… mit dem eigenen Leben(Schon heute meine Sonntagspredigt)Kürzlich habe ich ein dickes Buch gelesen mit weit über 100 Kurzgeschichten aus dem 20. Jahrhundert. Zu jedem Autor gab es eine Lebensbeschreibung. Beim Lesen ist mir aufgefallen: Kaum ein Schriftsteller und kaum eine Schriftstellerin hatte ein «normales», glückliches Leben. Praktisch überall gab es dunkle, schwere Lebensabschnitte: z. B. Krankheiten oder gescheiterte zwischenmenschliche Beziehungen. Auffallend war auch, dass viele Menschen, die als weltberühmte Autoren in die Geschichte eingingen, Lebens-Phasen hatten, in denen ihnen alles misslang. Manche mussten buchstäblich über Jahre hinweg Hunger leiden.Dies fiel mir ein, als ich die heutigen Lesungen studierte:»«¢ Die erste Lesung, in der Paulus von seiner chronischen Krankheit erzählt»«¢ Das Evangelium, in dem Jesus in seiner engsten Heimat auf Widerstand stösst.
Zuerst zu Paulus: Wie wir in der heutigen Lesung erfahren, litt er unter einer schweren, lästigen Krankheit. Es könnte Epilepsie gewesen sein. Und er verrät etwas Erstaunliches: «Wenn ich schwach bin, bin ich stark.» Oder wie ein Spruch aus unsrer Zeit lautet: «Was uns nicht umbringt, macht uns stark.»Dies erinnert mich an eine kurze Geschichte: Ein sehr böser Mensch sah in einer Oase eine Reihe junger Palmen. Auf eine davon legte er einen schweren Stein, in der Absicht, sie zu zerstören. Als er nach vielen Jahren wieder in diese Oase kam, entdeckte er unter den Palmen eine, die sich ganz besonders gut entwickelt hatte. Auf ihrem Wipfel sah er von Weitem einen grossen Stein. Es war offensichtlich: Die Palme, die der böse Mensch kaputt machen wollte, hatte dank seinen Schikanen eine ganz besondere Kraft entwickelt.(…)Vor einer Woche erzählte im Pflegeheim Steinhof anlässlich einer Matinée die ehemalige Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Judith Stamm aus ihrem Leben. Vor ein paar Jahren hat sie alle ihre Ämter abgegeben. So begann für sie eine neue Lebens-Phase. Diese ruhige, stille Phase gebe ihr eine grosse, wertvolle Chance, meinte Judith Stamm: die Chance, sich mit dem Schweren ihres Lebens zu versöhnen.Die profilierte Politikerin begegnete in ihrer Karriere oft starken Widerständen, von Gegner, aber auch von ihren eigenen Parteifreunden. In der Hektik des politischen Geschäfts hatte sie oft weder Zeit noch Kraft, sich mit den Wunden, die ihr zugefügt wurden, zu befassen.Jetzt aber, dies war ihre Botschaft, jetzt hat sie die Musse, sich damit auseinanderzusetzen; nicht um Gedanken der Rache zu hegen, sondern um sich auf den Weg der Versöhnung zu machen.Ich komme zum Schluss: Und wünsche Ihnen allen, dass Ihnen jetzt oder in einer spätern Phase Ihres Lebens Versöhnung/Gelassenheit geschenkt wird. (Elisabethenheim, Luzern, SO 9.45)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant