Die Christen leben ...

… mitten in der WeltIm gestern bereits zitierten Text von 1968 befasst sich Mario von Galli heute mit der Stellung der Christen in der Welt. Er beschönigt nichts. Doch der Grundton ist ganz anders als die Warnungen Benedikt XVI. vor der «Verweltlichung».
Beunruhigt fragen sich die Laien, ob sie nun ganz allein auf ihr Gewissen gestellt seien. Beunruhigt fragen sich die Priester nach ihrem Platz in dieser Kirche ohne Mauern. Beunruhigt suchen die Bischöfe nach der rechten Art, Hirten und Lehrer zu sein. Nennt mir einen, der nicht beunruhigt wäre – und am beunruhigendsten scheint mir die Tatsache, dass in der Kirche die Einheit verloren zu gehen scheint, die Einheit des Glaubens, die Einheit des Handelns, die Einheit der Haltung, derart, dass man sich fragen möchte, ob die Kirche eigentlich nur noch ein Wort sei, dem tatsächlich gar keine Wirklichkeit mehr entspricht.Unruhe in der Kirche: Das Thema steht in dem größeren Rahmen: mitten in der Welt. Es ist also nicht von jeglicher Unruhe zu reden, die es in der Kirche gibt. Nur von jener, die sich daraus ergibt, dass wir als Kirche «mitten in der Welt» stehen. Welt ist dabei alles, was wir Menschen tun, um unser Leben hier auf Erden zu gestalten. Das betrifft unser soziales und wirtschaftliches Leben, auch unsere Kultur und unsere Wissenschaft. Es betrifft auch unser Staatsleben und die Politik. Das alles ist unmittelbar nicht Kirche, es ist Welt. Es gibt keinen Christen, der nicht in der Welt wäre. Auch Jesus Christus war in der Welt, als er arbeitete, aß und trank, über die Straßen wanderte. Er sprach eine Sprache, die dieselbe war wie die seiner Zeit. Er dachte in Ausdrücken, Begriffen und Anschauungen seiner Welt.Was also macht Kirche im Unterschied zur Welt aus? Im Kern eigentlich nur dieses: Kirche ist die Gemeinschaft der Glaubenden, dass dieser Jesus von Nazaret, der vor 2000 Jahren gelebt hat und gekreuzigt wurde, der also erhöht ist und wiederkommt, die Mitte der Welt ist. Dass sich an ihm alles entscheidet. Das Leben der Menschen und das Schicksal der ganzen Welt. Er ist der Herr der Welt. Wir sind die um diese Tatsache Wissenden. Wir wissen es nur aus dem Glauben. Mit dem Wissen freilich ist es nicht getan. Jedes Wissen wird überhaupt erst ein volles «Begreifen» durch die Nachfolge. Die Christen glauben nicht nur, dass alles Menschliche seine letzte Erfüllung und seine Überhöhung in diesem Menschen Jesus erfahren wird. Sie «deuten» nicht nur die Zeichen der Zeit, indem sie sich freuen, dass zum Beispiel die Welt ein Einheitsbewusstsein und ein Bewusstsein der Verantwortung des einen für alle allmählich erfährt; dass die Arbeiter allmählich auch an den Kulturgütern der Welt teilhaben wollen und können; dass die Frau konkret in ihrer Menschenwürde allmählich ernstgenommen wird; dass alle völkischen Egoismen, ohne ein gesundes Selbstbewusstsein der einzelnen Kulturen zu zerstören, allmählich überholt werden. Sie betrachten das nicht nur als ein Wirken des Geistes Christi in der gesamten Menschheit, auch außerhalb der eigenen Kirchenmauern. Sie folgen auch Jesus nach auf seinem Weg. Der ist das Zeichen, das aufgerichtet ist in der Kirche.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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