Es war einmal

Aufbruch 68 Christ in der Gegenwart dokumentierte kürzlich die Rede des Zürcher Jesuiten Mario von Galli, die er am dt. Katholikentag von 1968 gehalten hat. Hier der Anfang des immer noch oder erst recht lesenswerten Textes: Muss es noch eigens dokumentiert werden, dass es Unruhe in der Kirche gibt? Unruhig sind die eifrigen Katholiken. Die einen, weil ihnen scheint, es käme alles ins Wanken. Dabei können manche nicht recht unterscheiden zwischen dem Wesentlichen und immer Bleibenden – und dem zeitbedingt Veränderlichen -, und sie haben recht, denn so einfach ist diese Unterscheidung gar nicht.
Die anderen aber sind beunruhigt, weil ihnen die von Papst Johannes XXIII. und dem Konzil begonnene und in großen Studien programmierte Reform der Kirche entweder zu langsam voranschreitet oder am Versanden oder gar rückläufig geworden zu sein scheint. Auch sie haben teilweise recht. Denn das Konzil war ja kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Es musste notwendig über sich selbst hinausschreiten und Fragen aufwerfen, wie etwa nach unserem Denken über Gott, nach unserer Auffassung über die Autorität in der Kirche, nach der Fortentwicklung der Ökumene, nach dem Gewicht und der Selbstverantwortung der Laien, nach dem Gespräch mit der Welt. Ein Gespräch schreitet voran, sonst ist es kein Gespräch.
Unruhe stiften!
Beunruhigt sind aber auch die Gewohnheitschristen, die sogenannten Milieukatholiken, weil sie zu hören bekommen, dass die Kirche keine Versicherungsanstalt sei, sondern eine Sendung habe in die Welt, und dass, wer nicht bereit ist, die Hände zu rühren und den Kopf und den Mund, um diese Sendung auszuführen, ihr gerecht zu werden, also Unruhe zu stiften, in gewissem Sinn: auf die Straße zu gehen und seine eigene Sicherheit und Behaglichkeit aufzugeben, überhaupt kein Daseinsrecht besitze in dieser Kirche. Die ganze Kirche bis zum letzten Straßenwischer ist missionarisch. Alle «guten» Fledermäuse sind plötzlich aufgescheucht. All die Prestigechristen, denen die Kirche Steigbügel des Aufstiegs, denen sie Brandmauer gegen Unruhe, Ausweis zur Verdeckung unsauberer Machenschaften, Schlafpille für Gewissensbedenken war, sind plötzlich gefragt auf Herz und Nieren. Was tust du für den Frieden in der Welt, was sagst du zu Vietnam, zur Rassenfrage, zu Südamerika, zu Biafra und selbst bei uns: zur Demokratie, entspricht sie noch dem, was man heute tun könnte zur Achtung und Förderung der Menschenwürde, zur menschenunwürdigen (nach dem heutigen Stand unseres Bewusstseins) Behandlung und Mitbeteiligung der Arbeiter in den Fabriken und Betrieben? Unheilvoll scheint und beunruhigend die niedergerissene Wand zwischen Kirche und Welt. Die Kirche ist zur Welt geworden und die Welt zur Kirche.Fortsetzung folgt

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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