Die erste Entscheidung, die das Konzil zu treffen hatte, war die Zusammensetzung der Konzilskommissionen. Die Wahl der jeweils 16 Mitglieder der zehn Konzilskommissionen war für die erste Generalkongregation am 13. Oktober 1962 vorgesehen. Dazu erhielten die Konzilsväter am 12. Oktober zehn Zettel mit jeweils 16 Zeilen für das Eintragen der zu wählenden Personen sowie eine Liste jener Bischöfe, die bereits Mitglieder der Vorbereitungskommissionen gewesen waren.So war vorprogrammiert, dass die vorkonziliaren Kommissionen fast unverändert weitergeführt würden. Dem Vernehmen nach – so hört es Henri de Lubac (vgl. Lu 1,117) – hatte Alfredo Kardinal Ottaviani zudem darauf spekuliert, dass die meisten Bischöfe nicht daran denken würden, dass auch die Kardinäle (die dann automatisch Vizepräsidenten der Kommissionen sein würden) wählbar wären. Vor allem für die Theologische Kommission wäre dann ein Triumvirat des Heiligen Offiziums (Ottaviani, Parente und Tromp) absehbar gewesen.Als die Konzilsväter sich gerade über ihre Stimmzettel beugen, erhebt sich Achille Kardinal Liénart, Erzbischof von Lille. Er hatte zuvor vergeblich darum gebeten, dass ihm das Wort erteilt wird. So ergreift er von seinem Platz im Präsidium aus ohne Erlaubnis das Wort. Er gibt zu bedenken, dass die Konzilsväter sich noch nicht informieren und einander noch nicht kennenlernen konnten. Darum verlangt er einen Aufschub der Wahl. Er erhält Beifall. Josef Kardinal Frings schliesst sich im Namen der deutschen und österreichischen Kardinäle seinem Votum an. Der Vorschlag wird angenommen, die Generalkongregation nach weniger als fünfzig Minuten geschlossen.Gleichwohl ist für das Konzil Entscheidendes geschehen: Die Konzilsväter haben wahrnehmen können, wie der Freimut einzelner eine Wende herbeiführt. Sie machen die Erfahrung, selbst Verantwortung für den Konzilsverlauf übernehmen zu können.Liénart erfährt nach eigenem Bekunden Zustimmung durch Papst Johannes XXIII., der gesagt haben soll: «Sie haben gut daran getan, ganz laut zu sagen, was Sie denken, denn dazu habe ich die Bischöfe zum Konzil einberufen» (zit. in A 2,38).(emf; vgl. Andrea Riccardi: Die turbulente Eröffnung der Arbeiten. In: A 2, 1-81, 31-38)
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