… ohne den PapstDie Päpste, die Nachfolger des Petrus und Stellvertreter Christi auf Erden, haben von Zeit zu Zeit den ihnen von Jesus anvertrauten «Schlüssel des Himmelreichs» betätigt und aus dem Tresor des ihnen anvertrauten Glaubens neue Dogmen herausgeholt. So stellt sich die heutige katholische Christenheit, sofern «papstgläubig», die Kirchengeschichte vor. Dass es anders, ganz anders war, zeigte F.X. Kaufmann in seinem Tagsatzungs-Vortrag:
«Wir sollten aber nicht vergessen, dass alle ökumenischen, also ihrer Intention nach die gesamte christliche Tradition repräsentierenden Konzilien des ersten Jahrtausends nicht in Rom, sondern im byzantinischen Raum stattgefunden haben, und zwar in der Verantwortung des Kaisers, nicht eines der fünf Metropoliten, die untereinander vielmehr immer wieder die theologischen Argumentationen mit Machtkämpfen um den Vorrang ihres Patriarchatssitzes verbanden. Der Bischof von Rom war auf diesen Konzilien in der Regel nicht persönlich anwesend, sondern nur durch Legaten vertreten. Auch ist das Neue Testament weder in aramäisch, der Sprache Jesu, noch in Lateinisch, sondern auf Griechisch verfasst worden, das zu Zeiten Jesu und danach die allgemeine Verkehrssprache im Römerreich war. Der bedeutendste Kirchenlehrer der nicht von ungefähr auch als «lateinische Kirche» bezeichneten Kirche des römischen Patriarchats wurde Augustinus, der des Griechischen nicht mehr mächtig war. Die Entfremdung zwischen der östlichen und der westlichen Kirche war neben den politischen Entwicklungen auch ein Sprachproblem. Doch ich will Ihnen hier keinen Crash-Kurs in Christentumsgeschichte halten, sondern lediglich das Bewusstsein für den Umstand schärfen, dass die christlichen Kirchen von Anfang an eine Mehrzahl von Traditionen pflegten, die untereinander jedoch in Austausch blieben und gerade darin ihre Einheit fanden. In dem Maße jedoch, als einzelne dieser Traditionen ihre eigenen Auffassung absolut zu setzen begannen und versuchten, andere kirchliche Gemeinschaften aus ihrer Mitte als Häretiker oder gar «Gottlose» auszuschließen, verstärkten sie die durch politische Konflikte ohnehin zunehmenden regionalen Differenzen …»
Und heute: Gemäss neuesten päpstlichen Wünschen sollen überall auf der Welt die gleichen «Wandlungsworte» gesprochen werden – obwohl sie in der Bibel in mehreren Varianten überliefert sind. Sonst stünde die «Einheit» der Kirche auf dem Spiel ….
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant