Mystik
«Ich bin der Weinstock. Ihr seid die Reben.» So heisst es im heutigen eindrücklichen, sehr schönen Evangelium. Es zeigt die enge, intime Verbundenheit von Jesus mit seinen Jüngern/mit uns allen. Ich könnte jetzt eine klassische Homilie halten: Satz für Satz mit Ihnen durchgehen/erklären/ausmalen; oder etwas verächtlich ausgedrückt: das Ganze wiederkäuen. Ich würde Sie damit langweilen.Wir wollen miteinander etwas anderes tun. Nachdenken über das Wesentliche dieser Frohbotschaft:Die Wissenschaft hat für die Nähe Jesu/die Nähe Gottes den Begriff der Mystik geprägt. Diese enthält reiche Schätze der Tradition, die weitgehend in Vergessenheit gerieten. Höchstes Ziel des mystischen Strebens bleibt die persönliche Gotteserfahrung in der unio mystika, der mystischen Vereinigung mit Gott. Es ist die Suche nach einem «Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes». Wie gelangen wir zu dieser»«¢ Vereinigung mit Gott»«¢ Zum Bewusstsein der unmittelbaren Gegenwart Gottes in der Welt, in unserem persönlichen Leben?Eine überraschende Antwort gibt uns das Leben des Franziskus von Assisi. Gestern und vorgestern war ich an einer wissenschaftlichen Tagung an der Uni Fribourg über diesen Heiligen. Mehrmals wurde daran erinnert, wie Franziskus zu einer innigen Jesus-Beziehung kam: Durch seine Begegnung mit dem Aussätzigen.Er ekelte sich vorher vor diesen ausgestossen Menschen. Wenige Tage vor seinem Tod erinnert er sich: «Es kam mir bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt. Und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süssigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.» Wenn wir an Süssigkeit denken, denken wir an Lindt/Sprüngli oder an die Dorfbäckerei. Doch gestern habe ich gelernt, dass damals im Mittellalter «Süssigkeit» die Erfahrung von der Nähe Gottes bedeutete.Ganz einfach ausgedrückt: Der Weg zu Gott führt über die Begegnung mit den Ärmsten; Eigentlich nichts Neues: Denn beim Jüngsten Gericht identifiziert sich Jesus mit den Geringsten: «Was ihr ihnen getan habt, habt ihr mir getan.Zusammengefasst: Mitten im Alltag ist Gott uns nahe.Ein grosser mittelalterliche Mystiker (Meister Eckhart) meinte: «Gott ist dir nahe beim Gemüse rüsten oder beim Melken der Kühe.»(Inwil LU, 9.30 Uhr)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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