Wie weiter mit der Kirche?

«Formen der Organisation von unten ergreifen!»Vor einigen Wochen hat der Ralf Miggelbrink, Professor für Systematische Theologie in Essen, in einem Interview der Nachrichtenagentur KNA Wegweisendes zur Zukunft der Kirche gesagt; und davor gewarnt, frühere Zeiten zu glorifizieren. Hier ein Ausschnitt:
KNA: Derzeit gibt es laute Töne von Traditionalisten, eher leisere Töne von verunsicherten und ratlosen Kirchgängern – und lautlose Abgänge.Miggelbrink: Wir erleben leider, dass immer mehr Menschen in der Stadt und auf dem Land, in Vereinen, in Parteien, Gemeinden, also Menschen in der Mitte der Gesellschaft, ratlos auf die Kirche schauen, mit der sie immer weniger Verbindung haben. Und das, obwohl sie sich noch sehr gut an ein aktives kirchliches Leben in früheren Jahrzehnten erinnern können. Und wenn sie auf das Maß der Entfremdung ihrer Kinder von dieser Kirche schauen, sehen sie irgendwann nicht mehr ein, dauernd gegen die wachsende eigene Indifferenz anzukämpfen. Bei den Traditionalisten ist das Katholischsein ein Grundgefühl – allerdings in Richtung eines bereits vergangenen Zustands. Die Traditionalisten sind allergisch gegen jede Veränderung.KNA: War denn früher alles besser in der Kirche? Miggelbrink: Natürlich nicht! Das «früher», auf das sich die Traditionalisten beziehen, ist ein Zustand von vor 100 Jahren. Damals hat ein selbstbewusster, stark auf das Mittelalter zurückgreifender Katholizismus eine sichere Orientierung jenseits der damaligen Frontlinien ermöglicht. Das hat auch in gewissem Maße vor den Verführungen des Nationalsozialismus und des Kommunismus geschützt. Diese Erfahrung hat die Kirche lange Zeit geprägt. Und je länger sie zurückliegt, desto glänzender und strahlender wirken die äußeren Zeichen von damals: die prächtige Liturgie, das politische Gewicht der Bischöfe in der Nachkriegszeit. Aber solche Erfahrungen katholischer Bedeutsamkeit und Imposanz, die da heute fixiert werden, sind nur ein ganz kleiner gesellschaftlicher Ausschnitt. Es ist immer neu notwendig, sich auf eine sich wandelnde Gesellschaft einzustellen. Dazu aber sind viele in der Kirche nicht bereit.KNA: Ein solcher Wandel war aber eine Grundforderung und Grundidee des Konzils.Miggelbrink: In der Tat müssen wir neu erkennen, dass die Kirche nicht für sich und um ihrer selbst da ist oder als ein musealer Raum. Es geht darum, radikal und mit innerer Bereitschaft Kirche Gottes zu sein.KNA: Werden denn die dafür vorhandenen Potenziale genügend abgerufen?Miggelbrink: Nach dem Konzil und noch vor 20, 30 Jahren gab es beachtlich viele Begabungen und Potenziale. Wir müssen mit Beschämung und Erschütterung zur Kenntnis nehmen, wie viele davon verschleudert und sogar aus der Kirche herausgedrängt worden sind. Es regiert zunehmend Konformismus: Unterwerfung statt Entfaltung, Disziplin statt Kreativität, Tradition statt Innovation. Wenn ein solcher Geist des Kirchenmilieus auf das herrschende bildungspolitische Ideal von Freiheit und Individualität trifft, klaffen Kirche und Gesellschaft schon so weit auseinander, dass alles auf eine Nischenexistenz der Kirche hinausläuft. Es ist höchste Zeit, über eine Kurskorrektur nachzudenken.KNA: Wie kann die aussehen? Miggelbrink: Entscheidend ist, dass noch genügend Menschen da sind, die bereit sind, genügend dafür zu tun. Es ist dringend an der Zeit, dass wir Formen der Organisation von unten ergreifen. Das ist für uns Katholiken ungewohnt, weil es auch innerkirchliche Pluralität mit sich bringt. Dafür müssen wir Wachstum wollen, Freiräume gewähren – und vor allem Konflikte und Richtungsdifferenzen anständig, gebildet und zivilisiert führen lernen. Aber am Ende wird der Verlust einer unfruchtbaren Einförmigkeit nicht wirklich ein Verlust sein.——————————————————————-Seit 1995 versucht die Tagsatzung im Bistum Basel – neu: tagsatzung.ch – «Formen der Organisation von unten» darzustellen. Ein Blick in ihre Homepage lohnt sich: www.tagsatzung.ch

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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