Vom Konzil zum Terrorismus?In der dt. Zeitschrift imprimatur (http://www.imprimatur-trier.de/ – Heft 7/2011) befasst sich ein namentlich nicht genannter Theologe gegen das Hobby von Ratzinger und Benedikt XVI.: dem Kampf gegen die «Diktatur des Relativismus». Darin skizziert er auch die abenteuerliche Behauptung, die Situation nach dem Konzil habe zu Aufruhr und Terrorismus (!!!) geführt.: Ratzinger sieht noch nach zwei Jahrzehnten (1988) im Rückblick Gespenster, wenn er sich damals umringt sah von Theologen-Kollegen, die er für die 68er-Revolte verantwortlich macht, und wenn er bereits darin eine bestimmte Auslegung des Konzils am Werk sah:Ich entsinne mich, dass wir (gemeint sind er und der Kölner Kardinal Frings) voller Hoffnung auf eine Verjüngung der Kirche (vom Konzil) zurückkehrten. Als ich 1967/68 Professor in Tübingen war, sah ich, wie sie so anders das Konzil interpretiert hatten. Es begann die vor allem von Theologen der Theologischen Fakultäten geführte 68er Revolution. [5]Noch expliziter konstruiert Ratzinger diesen prekären Zusammenhang von moderner Theologie und Zweitem Vatikanum einerseits und der 68er-Revolte und deren Folgen in der Zivilgesellschaft andererseits in einem Artikel von 1991 und offenbart damit unübersehbar seine reaktionäre politische Position, an der ihm weit mehr zu liegen scheint als an seriöser Theologie- und Konzilsgeschichtsschreibung:Das Erlöschen der Kirchen (würde) einen geistigen Erdrutsch bedeuten, dessen Ausmaß wir uns noch nicht vorzustellen vermögen. In welche Richtung das gehen könnte, ist nach meinem Dafürhalten in den Ereignissen von 1968 und in der daran anschließenden Entwicklung deutlich geworden. Denn die Pariser Studentenrevolution, die das 68er-Phänomen ins Rollen brachte, ist nicht von außen auf die Kirche geprallt, sondern aus den nachkonziliaren Gärungen des Katholizismus und aus vorausgehenden Strömungen revolutionärer amerikanischer protestantischer Theologie hervorgebrochen … Diese theologische Implikation ist auch im deutschen und italienischen Terrorismus der siebziger Jahre unverkennbar. Die Gestaltwerdung des italienischen Terrorismus der siebziger Jahre ist ohne die inneren Krisen und Gärungen des nachkonziliaren Katholizismus nicht zu verstehen. Die Revolte von 1968, den linken Terror der 1970er-Jahre – Ratzinger sieht das alles letztlich als Folgen des Konzils und deren Theologie. Das Trauma dieses Mannes sitzt tief. Da muss man sich nicht wundern, dass er auch mit der Theologie der Befreiung nicht nur nichts anfangen kann, sondern sich verpflichtet sieht, ihr als Glaubenshüter energisch Einhalt zu gebieten. 1968 war nämlich auch so etwas wie der Beginn der Theologie der Befreiung auf breiterer und offiziell-kirchlicher Ebene. 1968 fand die Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats in Medellín statt. 1968 machte sich die Kirchenleitung eines ganzen Kontinentes die «Option für die Armen» zu Eigen und unterstützte den Aufbruch der Kirche an der Basis, in den kirchlichen Basisgemeinden.—————————————————————-Was ist von einem Theologen und Kirchenführer zu erwarten, der so abstruse Dinge über das «Grosse Konzil» (mein Namensvetter Walter K.) äussert?
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant