Buch über eine empirische StudieUnter dem Titel «Auch Männer können fromm sein» erschien in der Reformierten Presse meine folgende Rezension, die ich im Auftrag der Redaktion verfasst habe:
Andrea K. Thurnwald: «Fromme Männer». Eine empirische Studie zum Kontext von Biographie und Religion. Kohlhammer-Verlag 2010. ISBN-13: 978-3-17-021308-1. 352 S., ca. Fr. 56.90Kaum jemand will als «fromm» gelten, erst recht nicht ein Mann. Darum muss die Autorin der vorliegenden Doktorarbeit recht lange erklären, was sie unter «Frömmigkeit» versteht. Denn diese gibt es, auch unter Männern. Aufgrund ihrer «völkerkundlichen Feldforschung» weist Andrea Thurnwald nach, dass «ausgeprägte, im persönlichen Leben und in der kirchlichen Tradition verankerte Frömmigkeit bei Männern keine Absonderlichkeit weniger Individuen ist, aber auch keine Selbstverständlichkeit im konfessionellen Leben und im Alltag der untersuchten Region, des ländlichen Mittelfrankens».Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stehen 23 umfangreiche Einzelgespräche, vor allem mit Männern, die ihren Alltag ganz bewusst aus dem Glauben heraus gestalten. Der fromme Mann, so definiert sie, sei ein «entschiedener Christ», dh. ein Mann, dessen Frömmigkeit über die blosse Kirchenzugehörigkeit hinaus als hoch verbindlich von ihm und anderen erlebt wird und deutlichen Niederschlag in der Biographie findet».Alle Befragten gehören der Evangelisch-lutherischen Kirche an. Trotz dieser konfessionellen und der bereits erwähnten geographischen Beschränkung sind die Ergebnisse der Arbeit für andere Konfessionen und Länder von Bedeutung; auch wenn bei uns in der Schweiz Sozialisationsformen wie der sehr oft erwähnte «Christliche Verein Junger Menschen» und die ebenfalls oft vorkommenden Posaunenchöre eine weit weniger wichtige Rolle spielen.Zurück zur Problematik des Begriffs «Frömmigkeit». Es ist offensichtlich: «Das Vorurteil, dass Männer und Frömmigkeit nicht zusammenpassen, prägt unsere Alltagskultur. Für klischeehaftes Denken ist es klar. Männer sind nicht fromm. Wenn sie es doch sind, fehlt es ihnen an Männlichkeit.» So erstaunt es nicht, dass in den Befragungen der Autorin etliche Männer sich von der Vorstellung distanzieren, sie wären fromm. Denn sie wollen nicht als weltfremd und frömmlerisch gelten. So gibt es hier Männer, «die sich vom – tatsächlichen oder unterstellten – Hochmut pietistischer Gruppen distanzieren». Da Andrea K. Thurnwald am Wort «Frömmigkeit» festhalten will, sucht sie auf sieben Druckseiten eine informative «Annäherung an den Begriff Frömmigkeit». So führt sie aus, dass damit in der Geistesgeschichte auch «Rechtschaffenheit» gemeint war; was viele Männer in der Befragung denn auch akzeptieren. Weniger beliebt ist die Definition, Frömmigkeit sei die «subjektive, auch emotionale Seite der Religiosität» – was für manche mit Frauen assoziiert wird.Innerhalb der Gruppe der Befragten gab es deutliche Unterschiede des sozialen und religiösen Profils. Im Zuge der Auswertung teilte die Autorin sie in vier Gruppen auf: die entschiedenen Christen, die Traditionellen, die Suchenden und die Genderbewussten. An anderer Stelle nennt sie auch die Gruppe der «neuen Männer», die manche als Hoffnungsträger für eine gerechtere Welt ansehen. Dazu allerdings der enttäuschende Befund: Sie müssen als die «Unkirchlichsten» bezeichnet werden.Das Ziel der Untersuchung war es, Einblicke zu geben in die komplexen Zusammenhänge zwischen Religiosität, Geschlecht und Biographie. Was letztere betrifft ist der Befund eindeutig: Die meisten der Befragten wurde schon als Kind durch die traditionelle Frömmigkeit erwachsener Bezugspersonen geprägt, wobei diese in vielen Fällen nicht die Eltern waren. Und weiter: «Der Zugang zu einem ‹frommen› Leben erfolgt kaum auf kognitivem Weg im Religionsunterricht oder durch Lektüre, sondern durch die persönliche Begegnung.»Fast alle befragten Männer sind in der Kirche ehrenamtlich tätig. Wie ihre weiblichen Kolleginnen befriedigen sie dabei das Bedürfnis nach Erfolg. Zusätzlich können sie «ihren Wunsch nach Geborgenheit und Gemeinschaft ausleben, ohne sich in Gegensatz zu einem traditionellen Männerbild zu setzen». Der Glaube gibt sodann den «frommen» Männern den Mut zum Bekenntnis gegenüber einer skeptischen Umwelt. Er hilft ihnen, im Alltag Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu leben.Kaum zu brauchbaren Erkenntnissen führten die Gespräche im Bereich der Genderfrage: Männer, besonders die konservativen, zu denen die meisten frommen Männer zu rechnen sind, sind wenig geneigt sind, über ihr Mannsein nachzudenken.Am meisten Raum nehmen im vorliegenden Buch kommentierte Auszüge aus den Gesprächsprotokollen ein (S. 126 – 318). Es sind zum Teil recht spannende Einblicke in gewöhnliche wie aussergewöhnliche Lebensgeschichten.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant