«Mein kleiner Lausejunge …»– Chenus Entwurf für eine Konzilsbotschaft an die Welt

Das erste und letzte vom Konzil beschlossene Dokument tragen die Handschrift des französischen Dominikaners M.-Dominique Chenu: die Botschaft an die Welt vom 20. Oktober 1962 und die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute vom 7. Dezember 1965. Einen ersten Entwurf für die Konzilsbotschaft an alle Menschen guten Willens hatte Chenu bereits am 15. September 1962 verfasst. Yves Congar notiert am 1.Oktober 1962 in seinem Tagebuch, er habe die lateinische Version bekommen, sie an vier Kardinäle weitergeleitet und äusserst positive Antworten erhalten. Schon am 23. August hatte sein Mitbruder Louis Lebret – wie zuvor auch Joseph Ratzinger für Kardinal Frings – einen ähnlichen Entwurf für Erzbischof Guerry von Cambrai geschrieben, der auf dem Konzil jedoch nicht weiter aufgegriffen wurde. In Chenus Textentwurf heisst es in thomanischer Weltfreude: «Wir freuen uns über die Sympathie, mit der Ihr alle, Christen wie Nichtchristen, die Ankündigung dieses Konzils aufgenommen habt. Und wir möchten Eurer Erwartung gerecht werden, indem wir uns des Auftrags Christi an seine Jünger erinnern: Geht in die ganze Welt und verkündet allen Völkern die Frohe Botschaft. […] In dieser Welt, die sich in einem tiefgreifenden Wandel befindet, scheinen die Appelle und Hoffnungen der Menschen trotz aller Misserfolge und Irrtümer eine Sehnsucht nach dem Licht des Evangeliums auszudrücken. Wir erkennen darin […] einen menschlichen Boden, der von sich her für die Gnade offen ist. Daher befragt sich die hier versammelte Kirche über sich selbst und forscht nach Mitteln, auf der Höhe der Probleme dieser neuen Welt zu sein. […] Dem Beispiel und der Lehre Christi folgend, widmet sie sich besonders der Liebe zu den Armen, nicht nur um sie in ihrer Bedürftigkeit mildtätig zu unterstützen, sondern um ihnen Menschenwürde in wahrer Freiheit zu verschaffen».
Als Chenu dann schliesslich den von den Konzilsvätern beschlossenen Endtext zu Gesicht bekam, war er ziemlich überrascht: «Sie haben meinen kleinen Lausejungen in Weihwasser getaucht». Immerhin, die Botschaft war in der Welt – auch wenn Joseph Ratzinger ihre lehramtliche Bedeutung ganz anders einschätzte als Chenu: «Die Botschaft der Konzilsväter an die Menschheit, die am 20. Oktober erlassen wurde, stellte nicht eigentlich einen Akt des Konzils […] dar […]. Die eigentliche Arbeit des Konzils begann mit der Behandlung des Schemas über die heilige Liturgie am Montag, dem 21. Oktober».(Christian Bauer)

Konzilsblogteam

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