Statt Sünde ...

… «Mitleidenschaft»
Für das Wochenende ein besinnlicher Text von Johann Baptist Metz:
«Wer die Passionsgeschichte der Evangelien zusammensieht mit der gesamten öffentlichen Lebensgeschichte Jesu, der wird bemerken: Jesu besondere Aufmerksamkeit, sozusagen sein erster Blick galt nicht der Sünde der Anderen, sondern dem Leid der Anderen. »Sünde« war ihm vor allem – wie das Augustinus später nennen wird – »Selbstverkrümmung des Herzens«, Auslieferung des Herzens und des Geistes an den heimlichen Narzissmus der Kreatur. Diese elementare Empfindsamkeit für fremdes Leid kennzeichnet gewissermaßen Jesu neue Art zu leben.Sie ist der gänzlich unsentimentale Ausdruck der Liebe, jener Liebe, die Jesus meinte, wenn er – übrigens ganz in der Tendenz seines jüdischen Erbes – von der unzertrennlichen Einheit von Gottes- und Nächstenliebe sprach: Gottesleidenschaft als Mitleidenschaft, als Mystik der Mitleidenschaft. Ein Christentum, das sich heute – angesichts des neuen dramatischen Pluralismus der Religionen und Kulturen – an der Wurzel fasst, bekommt es immer wieder damit zu tun. Und ein Christentum, das sich fragt, welche Botschaft es der globalisierten Welt von heute anzubieten habe, wird von dem aus der GottesIeidenschaft geborenen Geist der Mitleidenschaft sprechen. Diese Mitleidenschaft darf als Mitgift Jerusalems, als das Weltprogramm des Christentums für Europa im Zeitalter der sog. Globalisierung gelten – wie die theoretische Neugierde als Mitgift Athens und das republikanische Rechtsdenken als Mitgift des antiken Rom.»———————————–»«¢ Metz vermeidet hier den in Misskredit geratenen Begriff «Mitleid» …»«¢ Dass die Kirche zu oft von Sünde redet, brauche ich hier wohl kaum zu betonen. Es mag sinnvoll sein, sich am Anfang der Messe auf sein Versagen zu besinnen. Ich schlage aber an dieser Stelle öfters was anderes vor: «Überdenken wir die vergangene Woche und überlegen wir uns, wofür wir Gott und den Mitmenschen besonders zu danken haben. Eucharistie heisst ja «Dank». Einmal hat mit eine Frau gesagt: «Sie haben mich damit in Verlegenheit gebracht. Wir haben mehr Übung im Finden von Fehlern…»

Walter Ludin

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