Ein mutiger Kardinal … und bescheidener MitbruderDer brasilianische Franziskaner-Kardinal Paulo Evaristo Arns feierte diese Woche seinen 90. Geburtstag. Er trotzte der Militärdiktatur – und erhielt vom Vatikan keine Unterstützung. Im Gegenteil. Aus einer Würdigung:
«Von der Folter bedroht waren alle, die als subversiv oder kommunistisch abgestempelt wurden, was auch Ordensleute betraf. Die Folter abzulehnen bedeutete, sich nicht mit der chronischen und oft auch nachgewiesenen Furcht der katholischen Kirche vor dem kommunistischen Materialismus und mit der unsachgemäßen Beurteilung von Religion im Denken der Linken abzufinden. Von Rom aus wurden Vorbehalte gegenüber der Theologie der Befreiung verbreitet, die unsachgemäß als marxistische Lesart des Evangeliums interpretiert wurde. In Wirklichkeit war sie eine dialektische Interpretation des Evangeliums in einer Zeit der Suche nach neuer geistiger Orientierung und ganzheitlicher Sicht in einer durch das moderne Denken gespaltenen Welt, in der man Religion auf die Banalität des Überholten oder gar des Zu-Verwerfenden reduzieren wollte. In diesem Szenario hat Rom auf Grund seiner Befürchtungen und antikommunistischen Vorurteile die nonkonformistische Haltung von Dom Paulo schließlich als eine Koalition von Katholizismus und Marxismus gedeutet.Der Preis war hoch, den Dom Paulo für seine vorrangige Option für Gerechtigkeit und Wahrheit angesichts der Gewalt des diktatorischen Regimes zahlen musste. Und er hat ihn gezahlt.»
José de Souza Martins, Soziologe und emeritierter Professor der PhilosophischenFakultät der Universität von São Paulo (USP—————————————-Ich lernte Bruder Paulo während eines Kongresses in der Schweiz als sehr bescheidenen, liebenswürdigen Mitbruder kennen. Man konnte sich kaum vorstellen, dass dieser sanfte Mensch mutig der Diktatur trotzte.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant