Ungehorsam? Ernstnehmen der Zeichen der Zeit?Bekanntlich haben neben Walter Kirchschläger auch VertreterInnen der tschechslowakischen Untergrundkirche den diesjährigen Herbert Haag-Preis bekommen. Diese Kirche, vor allem der Untergrundbischof Davidek, hat verheiratete Männer sowie Frauen die Priesterweihe erteilt – damit die Kirche überleben konnte. Nach der «Wende» hat der Vatikan die Untergrundkirche dafür gemassregelt, wegen häretischem, ungehorsamen Verhalten. Man kann die Sache auch anders anschauen – wie Kirchschläger im folgenden Abschnitt aus seiner Dankesrede. Nämlich als Ernstnehmen der Zeichen der Zeit:
Zwar hat das Konzil selbst in der Pastoralkonstitution Anhaltspunkte gegeben, unter welcher Perspektive die «Zeichen der Zeit» im gesellschaftlichen Kontext zu identifizieren sind (Art. 5 bis 10); zwar zeigt sich im Nachhinein, dass die theologische Argumentation von Felix Davídek etwa hinsichtlich der Ordinationsfähigkeit der Frau aus dem Jahr 1970 weitgehend mit dem Ergebnis des (nicht veröffentlichten) Berichts der Päpstlichen Bibelkommission aus dem Jahre 1976 übereinstimmt; zwar ist das von der Verborgenen Kirche konkret praktizierte Instrumentarium des aggiornamento, also der Verheutigung der Verkündigungspraxis der Kirche nach den Umständen der jeweiligen Zeit und des Ortes, ursprünglich ein methodisches Prinzip der Kirche schon in neutestamentlicher Zeit, das überdies Johannes XXIII. als Bischof von Rom neu eingemahnt hatte. Ungeachtet all dessen hat die Leitung der Römischkatholischen Kirche in ihrem Umgang mit der Verborgenen Kirche eine Chance vertan. Nachdem Gott gegenüber dem Menschen konsequent in inkarnierter Weise handelt, sich also an konkreten Schnittpunkten von Zeit und Geschichte offenbart, ist ja die Frage nach dem theologischen Stellenwert dieses Ringens der Verborgenen Kirche um einen verantworteten Weg des Überlebens zu stellen und dafür das vom Konzil wiederentdeckte hermeneutische Instrument der «Zeichen der Zeit» heranzuziehen. Muss diese Frage nicht gestellt und gründlich diskutiert werden, bevor das Verdikt fällt, es handle sich eher um eine Fehlentwicklung der Geschichte, deren Existenz möglichst vergessen gemacht und deren Folgen schnellstens einzuebnen sind, um kein weiteres Aufsehen zu erregen? Und muss hier nicht im weltkirchlichen Rahmen Klarheit geschaffen werden?
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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