Götze oder Lebens-Mittel?(Aus meinem ersten NZN-Glossenbuch «Rosen vom …»)
Es war in Paris auf den Champs Elysees: in der Mitte eines grossen Raumes stand ein Podest, darauf ein Auto, ringsum angestrahlt von Scheinwerfern. Ich fühlte mich wie in einem Tempel. Unwillkürlich fiel mir der Begriff «Götze Auto» ein. Ich dachte auch an jene, die angesichts Tausender von jährlichen Verkehrstoten das Auto mit dem altmexikanischen Gott Moloch vergleichen, dem Menschenopfer dargebracht wurden.Ist es aber richtig, das Auto zu verteufeln, gerade weil es viele vergötzen? Sind nicht wir alle schon öfters froh gewesen, dass es dieses Fortbewegungsmittel gibt? Ein evangelischer Umweltbeauftragter in Deutschland nennt das Auto sogar ein «Lebens-Mittel» und eine Gabe Gottes. Er betont aber zugleich, dass es auf den richtigen Umgang mit diesem Mittel ankommt. Die Praxis unseres Glaubens erweise sich daran, ob wir allenfalls auf das Auto auch verzichten können.Er fasst seine Spiritualität der Mitwelt in den Worten zusammen: «Bedienen Sie sich all dieser «Lebens-Mittel» der technischen Zivilisation: Wasser und Licht etwa, Papier und Chemikalien, Heizung und Auto. Aber verweigern Sie ihnen die Unterwerfung, die nur Gott gebührt. Gebrauchen Sie sie als gottgeschenkte Lebens-Mittel: nur so weit, wie sie dem Leben dienen, ohne die Schöpfung zu zerstören. Liefern Sie sich nicht ihnen aus mit all den schlimmen Folgen für die Schöpfung, für die Menschen, für uns alle.» (Ulrich Denkhaus)Die Frage lautet also nicht radikal und extrem: Auto ja oder nein? Trotzdem: das Auto, das nicht gefahren wird, belastet die Umwelt am wenigsten; oder noch richtiger: jenes Auto, das überhaupt nicht angeschafft wurde! Es braucht öfters einige Überwindung und Weitsicht, um ein vorhandenes Auto in der Garage zu belassen. Das Auto ist ja billiger und schneller als die meisten öffentlichen Verkehrsmittel. So meint man wenigstens. Oft ist es ein Trugschluss, der das Auto attraktiver macht. Was geldmässig zählt, ist nicht bloss der Preis für den Treibstoff, sondern auch andere Kosten, wie etwa die Wertverminderung durch das Fahren. Kein Auto läuft und läuft endlos.Was die Zeit betrifft: vielleicht brauche ich wirklich mit dem Zug eine halbe Stunde länger. Beim Bahnfahren kann ich aber lesen oder schlafen und damit die Zeit sinnvoller nutzen als am Steuer. Eine zweite Überlegung: brauche ich für die verhältnismässig wenigen Stunden, in denen ich auf das Auto angewiesen bin, wirklich einen eigenen Wagen? Ein Bekannter hat vor einigen Jahren aus einer derartigen Überlegung heraus mit dem «Auto-teilen» (Car sharing) angefangen. Er gründete eine Genossenschaft, deren Mitglieder gemeinsam über ein Auto verfügen. Vor kurzem trafen sich auf seine Einladung Leute aus verschiedenen Ländern, die Erfahrungen mit dieser zeitgemässen Form von Gemeineigentum gemacht haben. (Das im Basler Lenos-Verlag herausgekommene «Umweltkompendium» stellt die verschiedenen Formen von «Car sharing» detaillierter vor. Hier finden sich auch entsprechende Musterverträge.)Vielleicht kommen auch ganz einfach Fahrgemeinschaften in Frage, um den Autogebrauch zu reduzieren, ohne auf Mobilität zu verzichten. Warum benutzen nicht zwei, drei Personen, die im gleiche Quartier wohnen und im gleichen oder benachbarten Betrieb arbeiten, dasselbe Auto (wenn ein öffentliches Verkehrsmittel nicht vorhanden ist)? Fahrgemeinschaften wären oft auch für die Anfahrt zu Veranstaltungen möglich und sinnvoll. Damit wäre erst noch ein Gemeinschaftserlebnis verbunden.Wenigstens 45 Prozent der Autofahrten entfallen auf Freizeit und Ferien. Darum lautet ein wichtiger Grundsatz: So weit wie möglich Einkaufs-, Kultur- und Freizeitangebote im nächsten Umkreis berücksichtigen!Eine andere Frage, die sich bei der Planung von Autofahrten stellen lässt: Kann ich die Gesamtstrecke verkürzen, indem ich mehrere Ziele miteinander verbinde? Oder anders gefragt: Welche Vorhaben lassen sich mit der Fahrt verbinden? Oder muss ich heute gar nicht losfahren, weil ich demnächst auf einer notwendigen Fahrt ohnehin am anvisierten Ort vorbeikomme?Bekanntlich gibt es auch mehr oder weniger umweltschädliche Fahrweisen. Wer im Stadtverkehr vorausschauend und gleichmässig fährt, kann auf 100 Kilometer wenigstens einen Liter Benzin einsparen.Ebenso lässt sich bei einem geringeren Tempo Benzin sparen: Laut«Umweltkompendium» braucht ein Auto bei 120 Stundenkilometern für die gleiche Strecke rund doppelt so viel Benzin wie bei 50 Stundenkilometern. Einiges wäre schon erreicht, wenn auf der Autobahn statt 130 bloss 100 Stundenkilometer gefahren würde. Ich kenne ein Kapuzinerkloster, dessen Autofahrer auf freiwilliger Basis sich für diese Temporeduktion verpflichtet haben.Wem die Bewahrung der Schöpfung ein Anliegen ist, findet noch zahlreiche andere Möglichkeiten eines sinnvolleren Autogebrauchs. Bei all dem würde die Lebensqualität des einzelnen vielleicht sogar steigen. Auf jeden Fall bliebe die Luft und sicher auch die gesamte Erdatmosphäre gesünder.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant