… tat nicht nur «Seliges»Die erste Begegnung mit ihm: Johannes Paul II. besuchte als Kardinal die in Bern tagende Synode 72. Wer dabei war, war beeindruckt von seiner imposanten Erscheinung. (Weniger beeindruckt zeigten sich unsere Sekretärinnen, die sich beklagten, er hätte sie ignoriert.) Es war nur ein Blitzbesuch. Nach der Begrüssung durch Ivo Fürer richtete der Kardinal einige Worte an die Versammlung – und verschwand. Es hätte ihm sicher, auch im Hinblick auf sein zukünftiges Amt, gut getan, wenn er einige Stunden erlebt hätte, was Mitsprache mündiger Laien bedeutet …Während meiner Tätigkeit als Berichterstatter der weltweiten Bischofssynode sah ich ihn öfters von Weitem. Einmal aber stand ich etwa einen Meter entfernt, als er durch die Menge schritt. Ich muss gestehen: Diese strahlende Gestalt ganz in Weiss übte auch auf mich eine eigenartige Faszination aus.Doch im Gegensatz zu vielen andern vergass ich darob nicht, dass dieser Mann verantwortlich war für den Problemstau in der Kirche: in Phänomen, das mit dazu beitrug, dass ihre Zukunftsfähigkeit wenigstens in Europa und den USA gefährdet ist.Oder die politische Dimension: Er, das Staatsoberhaupt des Vatikanstaates und der Mann, von dem seine Freunde sagen, er hätte Wesentliches zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen, er hat mit erhobenem Zeigefinger vor den TV-Kameras der Welt Ernesto Cardenal gerügt, weil er sich politisch betätigte und als Minister sich für die Menschenrechte einsetzte ….Christian Modehn hat in der neuesten Ausgabe von Publik-Forum die Zwiespältigkeit des neuen Seligen sehr treffend und prägnant geschildert:»Johannes Paul II. ein Vorbild? Welch ein toleranter Geist, als er schon 1979 die Freiheit der theologischen Forschung einschränkte und dem Schweizer Hans Küng den Titel «katholisch» absprach. Wie wegweisend, dass er Frauen von allen Kirchenämtern «auf immer» ausschloss. Wie weitblickend, als er in Lateinamerika Befreiungstheologen als Marxisten verunglimpfte. Wie menschenfreundlich, als er die katholischen Diktatoren in Chile und Argentinien besuchte …» Ja wirklich: JP II. ein Vorbild? Für wen und für was?
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant