Provozierendes zur Debatte über Kreuze

Für Kreuze kämpfen?(Ich habe mich hier auch schon zum Thema geäussert. Für die neuste Ausgabe des Steinhofblattes – Pflegeheim Steinhof Luzern – verfasste ich dazu einen weitern Beitrag, mit zusätzlichen Elementen und Akzenten.)Hingen Kreuze an den Wänden der Schulzimmer, als Ihr die Primarschule besuchtet? Ich stellte diese Frage kürzlich einigen Bekannten. Die meisten konnten sich nicht mehr erinnern – auch ich nicht. Jene, die mit Kreuzen in den Schulzimmern aufgewachsen sind, fragte ich weiter: «Wäre im Unterricht etwas anders gewesen, wenn es keine Kreuze oder Kruzifixe gegeben hätte?» Niemand wusste eine Antwort.Zwischenbemerkung: Ich finde es eine Frechheit, wenn ein «Freidenker» von irgendwoher in ein katholisches Dorf kommt und verlangt, die Kreuze müssten in den Schulen abgehängt werden. Etwas Toleranz und Achtung vor den Glaubensüberzeugungen anderer dürfte man doch auch heute noch erwarten. Trotzdem: Ich finde die Aufregung um das Aufhängen von Kreuzen wenig hilfreich.Beim Kreuz geht es um ein Symbol. Gewiss sind Symbole nicht zu unterschätzen. Aber oft haben sie kaum Auswirkungen auf die Wirklichkeit. Zudem: Es ist bequemer, für Symbole zu kämpfen als für eine gerechtere Realität. Kürzlich wurden im Kanton Luzern in einer Petition 12 000 Unterschriften gesammelt für die Beibehaltung von Kreuzen in den Schulen. Vor einiger Zeit gab es hier ebenfalls eine Petition, die forderte, für Behinderte mehr Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Sie kam auf etwa die Hälfte der Unterschriftenzahlen.Vielleicht kann man auch in diesem Zusammenhang die Frage stellen: Was würde Jesus tun? Würde er dafür kämpfen, dass Bilder von ihm an möglichst vielen Orten zu sehen sind? Oder würde er sich für die Besserstellung von Benachteiligten, zum Beispiel von Behinderten einsetzen?Man kann sagen: Das eine tun und das andere nicht lassen. Tönt gut. Aber faktisch binden die Auseinandersetzung um Symbole viele Kräfte, die für andere, wesentlichere Kämpfe nicht mehr vorhanden sind. Ein Beispiel war vor einigen Jahren der Konflikt um die Verfassung der Europäischen Union/EU. Kirchenvertreter, vor allem auch Bischöfe und ganze Bischofskonferenzen, setzten sich vehement dafür ein, dass in der Einleitung (Präambel) der Bezug auf Gott vorkam. Sie übersahen dabei, dass der Verfassungsentwurf gewichtige Mängel aufwies, die den Kirchen keineswegs egal sein konnten.Sie merkten nicht, «dass die Verfassung ungeniert dem reinen Kapitalismus und einer Militärmacht Europa das Wort redet» (Michael Damm in: Publik-Forum). Konkreter: Sie waren blind dafür, dass die EU-Verfassung – die dann abgelehnt wurde – vor allem die Rechte der Reichen schützte und die jene der Armen vernachlässigten. Ebenso fiel ihnen nicht auf, wie leicht die Gemeinschaft der europäischen Staaten ermächtig wurde, Kriege zu führen – zum Beispiel um die Versorgung mit Erdöl sicherzustellen. Der langen Rede kurzer Sinn: Sich für Kreuze wie auch für die Symbole der andern Religionen einzusetzen, mag in bestimmten Fällen sinnvoll sein. Doch nie darf ein solcher Einsatz daran hindern, für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Sonst kann uns ähnliches passieren, was dem alttestamentlichen Volk Israel geschah. Durch Propheten wie Amos liess Gott den Gläubigen ausrichten: «Ich mag eure Gebete und Lieder nicht, solange ihr euch nicht um die Armen und Unterdrückten kümmert.» Oder eben: «Ich mag eure Petitionen und Leserbriefe zugunsten der Kreuze nicht, solange euch die Armen unter euch und in der weiten Welt so wenig kümmern.»

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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