Keine Negativauslese?Hier ein eigener Eintrag zum Kommentar von Elmar Steingruber, der einige Fragen stellt zu meinen Bemerkungen über den Kirchenaustritt (Blog vom 14. Februar).Zuerst: Der Satz «Wer die Kirche liebt, wird sie nicht verlassen, sondern für ihre ständige Erneuerung kämpfen» erinnert mich an das Wort meines Mitbruders Walbert Bühlmann: «Auftreten, nicht austreten.» Ich stimme zu. Doch ich weiss, dass nicht alle über die ausreichende Frustrationstoleranz verfügen. Einmal haben sie von den erfolglosen Kämpfen um die Kirchenreform genug. Nochmals 40 oder 50 Jahre wollen sie und können sie nicht warten ….E. Steingruber meint, der grösste Teil der Ausgetretenen seien «Mitläufer und Kirchensteuerzahler» gewesen. Ich meine, wir dürfen den «blossen» Kirchensteuerzahlern dankbar sein. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie über Jahrzehnte hin die Kirche unterstützt haben, obwohl sie sich nicht stark mit ihr identifizieren konnten. Die meisten haben es getan, weil sie das soziale Engagement der Kirche schätzten. Dieses Engagement ist gerade durch die vielen Kirchenaustritte gefährdet. Wenn das Geld immer weniger wird, wird am ehesten hier mit Sparen angefangen. Und damit wird eine der drei Grunddimensionen der Kirche, die Diakonie, gefährdet.Vor allem aber: Längst sind es nicht bloss die «Lauen» und Distanzierten, die austreten. Sondern gerade jene, die sich am meisten engagierten und identifizierten und halt mal eines Tages «genug» bekamen (s. Frustrationstoleranz).Schon Karl Rahner meinte sinngemäss: Die Kirche kann es sich durchaus leisten, zehn Ewig-Gestrige zu verlieren (welche die Zukunft der Kirche bloss hemmen) und dafür einen Menschen zu gewinnen, der dazu beiträgt, dass die Kirche zukunftsfähig ist. Wenn man erlebt, wie viele Gegner des Theologenmanifests Gift und Galle versprühen, kann man nicht behaupten, diese bildeten die wahre Kirche Jesu, der auch seine Gegner geliebt hat und zur Feindesliebe aufrief.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant