Gottesdienste ohne Leben

Was passiert, wenn die römischen Vorgaben umgesetzt werden?Nochmals ein Abschnitt aus dem Theologen-Memorandum:»6. Gottesdienst: Die Liturgie lebt von der aktiven Teilnahme aller Gläubigen. Erfahrungen und Ausdrucksformen der Gegenwart müssen in ihr einen Platz haben. Der Gottesdienst darf nicht in Traditionalismus erstarren. Kulturelle Vielfalt bereichert das gottesdienstliche Leben und verträgt sich nicht mit Tendenzen zur zentralistischen Vereinheitlichung. Nur wenn die Feier des Glaubens konkrete Lebenssituationen aufnimmt, wird die kirchliche Botschaft die Menschen erreichen.»
Die oberste Kirchenleitung und konservative Kräfte betonen dagegen, in der Liturgie müsse Gehorsam herrschen gegen die liturgischen Vorgaben. Es dürfe kein Buchstabe abgeändert werden. Was dabei herauskommt, erlebte ich vor Jahren an einer Erstkommunionfeier, an der ich als Gast einer Familie eingeladen war:Der Priester (er wurde der «kleine Ratzinger des Kantons genannt) las alles peinlich genau aus dem Messbuch ab und verwendete dabei das «Formular» des betreffenden Sonntags: Nirgends kamen die Erstkommunikanten vor. Und die Predigt ging über die Köpfe aller Kinder und wohl auch der meisten Erwachsenen hinweg. Das Ergebnis: Die Menschen gingen innerlich nicht mit. Noch nie habe ich einen so unruhigen Gottesdienst erlebt. Aber er entsprach 100prozentig den «römischen» Normen.

Walter Ludin

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