Gott spricht nicht «gestrig»(Diese Glosse erschien im KIPA-Dienst als «Seitenschiff»)Bald ist es wieder so weit: Unzählige Plakatwände geben biblische Sätze wieder. Ich habe anlässlich der bisherigen plakativen Bibel-Kampagnen versucht, die Aussagen mit den Augen von «Nicht(mehr)glaubenden zu betrachten. Zum Beispiel: «Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du und dein Haus selig werden.»Und mein Haus? Wohl kaum sind die Mauern gemeint. Vielleicht eher Herr Müller, mein Nachbar zur Rechten. Der ist bereits sehr fromm. Für ihn bräuchte es keine solche Aufforderung mehr. Doch für den Herrn Müller zu meiner Linken? Nun, ich könnte ihm tausend Mal Umkehr predigen, es nützte bei diesem verstockten Sünder nichts. An diese Bibelaktion habe ich gedacht, als mir kürzlich ein lieber Mensch ein Audiobuch schenkte: Robert Gernhardt, Das Buch Ewald. Der bekannte deutsche Satiriker liess sich vom biblischen Buch Hiob inspirieren. Wie dort sitzen auch hier Gott und der Teufel zusammen und blicken auf die Welt. Dann entdecken sie, wie ein Student namens Ewald im Begriffe ist, eine Kommilitonin zu verführen. Da müsse doch etwas geschehen, sind die beiden Beobachter sich einig. So beschliesst Gott, das zu tun, was er einstens mit seinem Knecht Hiob getan hat: ihn mit Fragen zur Vernunft zu bringen.Gott «giesst seinen Geist aus» über Ewalds Zimmerwirtin. Diese tritt in Ewalds Zimmer und stellt ihm wortwörtlich die gleichen Fragen, die Gott an Hiob gestellt hat. Etwa: Ob er mit einem Band die sieben Sterne zusammenbinden oder die Zähne des Krokodils mit einer Schnur fassen könne.Das Sexualabenteuer wird zwar durch den Auftritt der «wahnsinnigen» Zimmerwirtin gestoppt. Aber Ewald erzählt die Episode am nächsten Tag einem Psychologie studierenden Freund, der in der Tradition Freuds bei der guten Frau «Sexualneid» feststellt.Zurück zum Anfang: Wie auf den Plakatwänden wurden in Ewalds Zimmer eins zu eins uralte, einst verständliche, heute aber skurril wirkende Sätze zitiert. Ich bin überzeugt: Wenn Gott heute zur Welt spricht, tut er es nicht in einer Sprache, die für heutige Menschen unverständlich geworden ist.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant