Die Schafe sind noch nicht so weit

Demokratie im KuhstallMein Vater musste Tag für Tag vor sechs Uhr aufstehen, um die Kühe zu melken. Und mochte es auf dem Feld noch so dringende Arbeiten geben, er sass zwölf Stunden später wieder auf dem Melkstuhl. So etwas war für alle Bauern selbstverständlich.Vor kurzem aber wurde im Kuhstall ein neues Zeitalter eingeläutet. Sogar die seriöse Neue Zürcher Zeitung berichtete vergangene Woche ausführlich darüber: Dank neuer Computer-Techniken können die Kühe selbst bestimmen, wann sie – automatisch – gemolken werden. Überraschenderweise gehen in einem Versuchsbetrieb einige Kühe drei Mal täglich in die Melkbox, zum Teil auch nachts. Die Demokratie hielt also den Stall erreicht- mit erfreulichem Erfolg. Damit geht es dort liberaler zu und her als in der Schafherde. Ihre Oberhirten fürchten die Demokratisierung immer noch wie der Teufel das Weihwasser. Ja, ich spreche nicht von einem profanen Schafstall, sondern von der Herde, die sich (katholische) Kirche nennt.Zurück zu meinem Vater: Hätte ich ihm von der Vision eines demokratisierten Kuhstalls erzählt, hätte er bestimmt unwirsch erwidert: «Domms cheibe Züüg!» Und doch geschah nun das scheinbar Unmögliche: wenigstens bei den Kühen. Die Schafe müssen noch ein bisschen warten.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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