(Dieser Artikel hätte am 26. August im SONNTAG als Wort zur Woche erscheinen sollen. Aus Versehen blieb er liegen und erschien erst letzte Woche, mit einer aktualisierten Einleitung. Ich gebe hier die «Urfassung» wieder.)Meine HeiligenWelche Heiligen werden heute gefeiert? Ich finde die Antwort sehr rasch, gewissermassen dank eigenen Quellen. 40 Zentimeter vor meiner Nase hängt der von mir redigierte Missions-Wandkalender der Schweizer Kapuziner. Unter dem heutigen Tag (Donnerstag, 26. August) stehen die Namen Rufin und Raimund.Greife ich jedoch zu einem Kalender, der einige Jahre zuvor erschienen ist, finden sich dort überdies noch Zephyrin und Abundius. Woher dieser Heiligenschwund, fragt man sich. Nun, die Schuld daran trage ich. Im Verlaufe der Jahre habe ich immer wieder Namen gestrichen, die heutzutage wohl keiner mehr trägt – wobei ich hoffe, mir nicht die Rache der Entfernten zuzuziehen …Dazu kommt, dass ohnehin kein Kalender, der für den täglichen Gebrauch bestimmt ist, alle zu feiernden Heiligen erfassen kann. Der heutige Tag bietet ein krasses Beispiel. Unter www.heiligenlexikon.de finden sich rund 50 katholische und noch einige weitere evangelische, orthodoxe, armenische und koptische Heilige.Legen wir die Kalender beiseite. Und wenden wir uns den heilig gesprochenen Personen zu. Auch unter diesem Blickwinkel geht es manchmal wild zu und her. Sehr oft schossen fromme Legenden allzu sehr ins Kraut. Es ist mir noch in bester Erinnerung, wie wir 1966/67 als Novizen im Chorgebet auf lateinisch die Heiligenlegenden vorlesen mussten. Oft hiess es, der heilige Soundso habe «inde a puero/seit früher Kindheit» monatelang gefastet und nächtelang gewacht. Entsprechend fielen denn auch die bildlichen Darstellungen von solchen seltsamen Helden aus. In einer italienischen Kirche fiel mir beim Anblick eines Kitschbildes der Aphorismus ein: Manche Heilige wären nicht heiliggesprochen, wenn sie so ausgesehen hätten wie auf ihren Bildern.Ich möchte mich keineswegs lustig machen über das Heiligenwesen. Und ich finde es schade, dass viele Gläubige keinen Bezug mehr haben zu ihrem Namenspatron. Wie viele haben keine Ahnung mehr, wann sie ihn feiern könnten. Früher waren in gut katholischen Familien die Namenstage viel wichtiger als die Geburtstage. Mein ehemaliger Graphiker Karl Rüde wehrt sich noch heute, wenn ich ihm zum Geburtstag gratuliere: «Geburtstag hat jede Kuh.» Ich entgegen ihm, dem inzwischen 95-Jährigen: «Aber keine Kuh hat einen so hohen Geburtstag wie du!»Heilige bieten nicht nur Grund zum Feiern. Wie die Tradition betont, sind sie auch Vorbilder. Nun, spätestens seit der Lektüre von Siegfried Lenz’s Roman «Das Vorbild» weiss ich, dass es damit keineswegs einfach ist. Wir leben in einer zu stark aufgesplitterten Gesellschaft, als dass es allgemein gültige Vorbilder noch geben könnte. Doch hoffe ich, dass jeder und jede im Namenspatron, der Namenspatronin nachahmenswerte Züge entdeckt.Ich denke da an meinen Patron, den Abt Walter aus dem fernen 11. Jahrhundert. Was mich an ihm fasziniert, ist nicht in erster Linie eine «theologale» Tugend, sondern seine List. Es war im Zeitalter des Investiturstreits, wo weltliche Herrscher sich anmassten, die kirchlichen Würdenträger in ihre Ämter einzusetzen, um die Überlegenheit über sie zu demonstrieren. Als nun der Lokalfürst dem Walter den Abtstab übergeben wollte, fasste er diesen möglichst weit oben an. So wollte er den neuen Abt zwingen, als Zeichen der Unterordnung die Hand unter die seinige zu legen. Er rechnete nicht mit der Schlauheit des Mönches, der den Stab einfach ganz oben an der Krümmung anfasste. Ich wäre glücklich, wenn es mir wenigstens einmal im Leben gelänge, eine Autorität so intelligent auszutricksen.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant