Ich bin ein Film-Freak

Leinwand als LebensschuleDieser Artikel erschien letzte Woche in der Familienzeitschrift SONNTAG als «Wort zur Woche». Ich bin dort drei Wochen Gastautor, in Stellvertretung von Josef Imbach.)Wenn ich ganz gesund wäre, sässe ich heute Abend in Locarno auf der Piazza Grande, um einen der 290 Filme des diesjährigen, 63. Festivals zu geniessen. Denn ich bekenne mich als Film-Freak – was keineswegs genetisch bedingt ist. Denn meine Eltern waren ein einziges Mal im Kino. Der Heimatfilm, den sie sahen, hatte irgendetwas mit Alpenrosen zu tun. Sie fanden ihn doof – was wohl für ihren guten Geschmack spricht.Und dann war bei ihnen das Thema Film abgehakt. In jenen Zeiten, die noch nicht allzu viele Jahrzehnte zurück liegen, galt der Film vor allem in kirchlichen Kreisen immer noch als billige Jahrmarkts-Attraktion; oder sogar als gefährliche Verführung. Wenn ich in den Sommerferien alle 14 Tage ins Kino wollte, zeigten sich meine Eltern jedenfalls keineswegs begeistert. Meine Mutter warnte mich sogar: «Denk an M., unsern jungen Nachbarn. Er ging oft ins Kino, lernte dort Schlimmes und sitzt heute im Gefängnis.»Nun, statt ins Gefängnis brachte mich mein Lebensweg ins Kloster. Auch hier hielt sich die Filmbegeisterung in Grenzen. Ein Mitbruder, ansonsten sehr aufgeschlossen, brüstete sich damit, seit langem keinen Film gesehen zu haben. Als wir im Theologiestudium waren, brachte ein vifer Mitstudent die Obern dazu, uns Kino-Ausgang zu verschaffen. Wir mussten nachher eine Rezension schreiben, um der Sache einen seriösen Anstrich zu geben.In meinem Zweitstudium entflammte die Liebe zum bewegten Bild aufs Neue. Wir hatten das grosse Glück, am Journalistischen Institut der Uni Freiburg Stefan Portmann als Dozenten zu haben, einen der Väter der Solothurner Filmtage. Stefan, mit dem ich bald befreundet war, verstand es, die «Siebte Kunst» in gesellschaftliche Zusammenhänge zu stellen. Vor allem im Dokumentarfilm sah er ein Spiegelbild der Verhältnisse. Im Übrigen vertrat er die These vom «mitschöpferischen Geschmack des Publikums».Ich darf verraten, dass es mir gelungen ist, diese und andere Theorien von Stefan Portmann in das Mediendokument der Synode 72 des Bistums Basel hinein zu bringen. Ich finde sie auch nach Jahrzehnten als hilfreich und notwendig.Darum möchte ich dazu einladen: Geht öfters ins Kino. Denn als gläubige Menschen haben wir eine Weltverantwortung. Diese können wir nur wahrnehmen, wenn wir wissen, wie die Welt aussieht. Nun, ich bin nicht so naiv, zu meinen, auf der Leinwand sähen wir die real existierenden Verhältnisse eins zu eins abgebildet. Jedes Objektiv ist subjektiv. Trotzdem bringen die Geschichten – seien sie dokumentarisch oder fiktiv – einiges von der Wirklichkeit hinüber. Oder eben: Sie spiegeln in etwa den Zeitgeist, den wir kennen müssen, auch wenn er uns nicht immer Wohlgefallen bereitet.Selbstverständlich möchte ich vor allem die A- oder Studiofilme empfehlen. Mit unserem Billet leisten wir einen Beitrag, dass weiterhin solche Werke produziert und verliehen werden; was Stefan als «mitschöpferischen Geschmack» bezeichnete. Aber hin und wieder muss man sich auch etwas weniger Hochwertiges antun. Im Gewande von Banalem versteckt sich oft Hintergründiges (z. B. im «Supermann» mit seinen Welterlösungsversprechen).Und nun höre ich die Frage nach meinem Lieblingsfilm. Spontan fällt mir Alexis Sorbas ein mit dem berühmten Sirtaki. Der Grieche tanzt ihn, nachdem sein Werk, an dem unermüdlich gearbeitet hatte, jämmerlich zusammengekracht war. Wir müssen wohl ins Kino gehen, um so viel Lebensfreude mitten im Scheitern zu erleben. Solche Szenen sind für mich eine wertvolle Lebensschule.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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