Trotz allem

«Wie geht es? Gut?»Ganz banal fragte man einander bis vor wenigen Jahren: «Wie geht es Dir/Ihnen?» Inzwischen heisst es immer öfter: «Wie geht es? Gut?» Wenn ich diese diese Frage bejahe, aber ein «Trotz allem» hinzufüge und davon erzähle, dass ich zwischen Mitte Mai und Ende Juli drei Operationen und zwei viertägige Chemotherapien erlitten habe, zweifeln manche an meiner Aussage.Und doch: Die ärztlichen Prognosen sind sehr vielversprechend. Und vor allem – darum geht es mir hier – wenn ich mich mit andern Patienten vergleiche, darf ich sagen, dass es mir tatsächlich gut oder sehr gut geht. Ich denke da an Herrn B., einen meiner Bettnachbarn. Wie ein Häufchen Elend lag er im Bett, weniger als 50 Kilo leicht. Er konnte nur noch flüstern. Ich dachte, er sei wenigstens 75. Er ist aber erst 61, vier Jahre jünger als ich. Vor anderthalb Jahren brach sein Lungenkrebs aus. Seither hat er monatlich Chemotherapie, ohne Aussicht auf baldigen Erfolg. Er war nun drei Wochen im Spital wegen einer schweren Prostataentzündung. Ja, wenn ich an ihn denke: Mir geht es gut.Oder Herr A.: Er erzählte mir seine Leidensgeschichte, als wir einander am Abend auf dem Gang der Spitalabteilung begegneten. Er ist 57. Die von ihm konstruierten Maschinen laufen auf der halben Welt, bis hinunter nach Australien. Seit drei Monaten ist er im Spital, drei Wochen mit dauerndem Brechreiz. Sein Krebs spricht auf die Therapien schlecht an. Ja, wenn ich an ihn denke, geht es mir gut, sehr gut.Zufällig las ich kurz vor diesen Begegnungen einen Bericht über Unfallopfer. Wer schwer verletzt ist, denke an die Toten – und sei mit seinem Schicksal zufrieden. Doch wer nur leicht verletzt sei, vergleiche sich mit den Gesunden und sei unglücklich.Zurück zum Anfang: Wie geht es Dir/Ihnen? Schlecht? Könnte sein. Aber vielleicht versuchen sie es mit einem Vergleich – sozusagen mit einem mentalen Training …
PS: Mit Herrn B. sprach ich über die Mühseligkeiten der Chemo. Wir müssten aber da durch. Er meinte: «Entweder sind wir hier oben, im Spital, oder dort unten» – wobei er auf den städtischen Friedhof zeigte Als Herr A. davon gesprochen hatte, dass er seinen Krebs vielleicht nicht überleben werde, meinte er gelassen: «Ich bin 57, habe oft sehr viel gearbeitet und dazwischen bewusst Phasen eingelegt, in denen ich das Leben genoss….» Es tönte für mich wie der Titel der Autobiographie von Pablo Neruda: «Confieso, he vivido/Ich gestehe, ich habe gelebt.» Hingegen Karl Kraus: «Es gibt Menschen, die leben nicht einmal einmal.»

Walter Ludin

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