Kirchliches «Klima der Sympathie»Paul Hoffmann zeigt im folgenden Abschnitt, wie Paulus «antihierarchisch» zu lesen ist. Davon hörte man im Paulusjahr von offizieller Seite nichts….. «Dem Gemeindemodell, wie es Paulus in 1 Kor 12 und Röm 12 konzi¬piert, gehört daher die Zukunft. Es sollte unter den gegenwärtigen ge¬sellschaftlichen Bedingungen weiterentwickelt werden. Denn hier ist die Würde eines jeden Gemeindemitglieds gewahrt – gegen alle elitären Versuche, Gemeinde als Zwei-Klassen-Gesellschaft zu strukturieren. Jeder wird in seiner individuellen Begabung anerkannt und kann seine Kreativität für den Aufbau der Gemeinde einsetzen.
Wenn Paulus in 1 Kor 12 (vgl. auch Röm 12) mit der Leibmetapher die soziale Dimension gemeindlicher Existenz herausstellt,… geht es ihm vor allem auch um die Überwindung des innergemeindlichen Schismas, dass einige wenige für sich eine beson¬dere pneumatische (»geistliche») Qualität in Anspruch nehmen und den Rest der Gemeinde ins Abseits stellen. Paulus verwendet die Leibmetapher antihierarchisch. Darin unterscheidet er sich von der bekannten Fabel des Menenius Agrippa, der mit ihr die römische Plebs zur An¬erkennung aristokratischer Herrschaftsansprüche bewog: «Die Glieder dienen dem Magen, der alle ernährt» (Livius 2,32), ebenso wie von ihrer Deutung auf den Caesar als «Haupt des Imperiums». Kirchliches Herr¬schaftsdenken wird darauf zurückgreifen. Die Durchführung der Me¬tapher in 1 Kor 12 lässt erkennen, wie Paulus im ersten Teil gerade die, die sich als unwichtig in der Gemeinde erfahren, «aufzubauen» sucht. Im zweiten Teil nimmt er gerade jene in die Pflicht, die sich für etwas Besonderes halten. ….Von diesem Ansatz her ließe sich Gemeinde als Bereich repressionsfreier Kommunikation – bestimmt vom «Klima der Sympathie» (M. Frisch) – beschreiben. Solches wird möglich, wenn jeder in der Gemeinde sich in seiner spezifischen Begabung von Gott gewollt und von den anderen akzeptiert erfährt. Das ist gegen den re¬pressiven Gebrauch der Metapher vom «Leib Christi» in der römischen Ekklesiologie festzuhalten. So könnten hier Freiheitsräume entstehen, in denen Menschen zu sich und zueinanderfinden und gemeinsam lernen, unter der Herausforderung der Botschaft Jesu ihr Leben bewusster zu gestalten und ihre Verantwortung im privaten wie gesellschaftlichen Bereich wahrzunehmen.»
PS. Ehre, wem Ehre gebührt. Oder was lange währt …: Roland Hinnen, allen durch seine profilierten Kommentare bekannt (u.a. auch in der Basler Zeitung), machte mir Mitte Januar (!) den Vorschlag, aus Paul Hoffmanns Jesus-Buch die letzten Beiträge mit dem Titel «Perspektiven für eine Zukunft der Kirche» häppchenweise in meinen Blog zu nehmen. Wie die angeregten Diskussionen gezeigt haben, hat es sich gelohnt. Und lohnt es sich weiter….
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant