Wenn Mägde prophetisch reden(Unter diesem Titel veröffentlichte ich 2003 im NZN-Verlag eine Sammlung eigener Glossen. Inzwischen stagniert der Verkauf. Das Werk soll eingestampft werden. Ich konnte eine grössere Beige davor erretten.Wer ein oder mehrere Ex. wünscht (gratis oder freiwilliger Betrag) möge sich melden: wludin@bluewin.ch.Und hier die titelgebende Glosse:
Der Bischof, der mich vor gut vierzig Jahren gefirmt hat, liess sich noch als «Gnädiger Herr» anreden. Viel später hörte ich, dass er damals sehr ungnädig sein konnte. So habe er dem Frauenbund, dessen Schirmherr er war, verboten, sich für das Frauenstimmrecht einzusetzen. Die Zeiten haben sich geändert. Kein Bischof würde es heute wagen, einem kirchlichen Verein oder Verband einen Maulkorb umzuhängen. Was aber, wenn ein solcher Verband es wagt, eine andere Meinung zu äussern als die Bischöfe, auch wenn sie sich nicht mehr «Gnädige Herren» nennen? Dann bekommen sie «Schimpfis». So wiederum geschehen, als der aktuelle Nachfolger meines Firmspenders recht ungnädig mit dem Vorstand des Schweizerischen katholischen Frauenbundes (SKF) umging. Die Frauen würden ein «Parallel-Lehramt» entwickeln und hätten «ein klares Wort» der Bischöfe nötig … Da war doch was, zwischen meiner Firmung und dieser bischöflichen Schelte? So erinnerte ich mich und dachte an das Zweite Vatikanische Konzil. Dieses hat sozusagen die gesamte Kirche gefirmt, indem es ihre Mitglieder für mündig erklärt hat. Was allerdings nicht so ganz neu war. Denn ungefähr 2 400 Jahre früher schrieb der Prophet Joel Worte, die übrigens in der Pfingstliturgie zu finden sind: «Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein … Auch über die Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgiessen» (Joel 3, 1–2). Zu einem derartigen prophetischen Auftreten zählt Gerhard Lohfink in seinem vor zwanzig Jahren erschienenen Buch «Wie hat Jesus Gemeinde gewollt?» auch die «Deutung der Gegenwart». Was anders haben eigentlich die katholischen Verbandsfrauen gemacht, z. B. in ihrer bischöflich kritisierten Stellungnahme über gleichgeschlechtliche Partnerschaften? Ich muss gestehen, dass ich anfänglich auch Mühe hatte mit den dort stehenden Aussagen über das Adoptionsrecht. Nachdem ich den Abschnitt nochmals genauer gelesen hatte, leuchtete er mir jedoch ein – auch wenn die Bischöfe ganz anderer Meinung sind und «das Wohl der Kinder» anmahnen. Ich frage mich aber, wer kompetenter ist, über dieses Wohl zu urteilen: Frauen und Mütter oder zölibatär lebende Bischöfe? Und was den prinzipiellen Vorwurf des parallelen Lehramtes betrifft: Ich erinnere mich, in meinen theologischen Studien dem Begriff «sensus fidei/Glaubenssinn» (aller Getauften und Gefirmten!) begegnet zu sein. Im neuen Lexikon für Theologie und Kirche kann ich mein Wissen auffrischen. Ich erfahre, dass der grosse Kirchenvater Augustinus sogar von einem «inneren Lehramt» der Bischöfe und Laien geschrieben hat. Das Zweite Vatikanische Konzil habe solche Lehren «wiederentdeckt». Was noch nicht im Lexikon steht: Einige Bischöfe haben sie offensichtlich wieder vergessen.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant