Die Kirche kann demokratische Strukturen haben
Der Exeget Paul Hoffmann ruft in Erinnerung, was inzwischen alle vifen Christen wissen, was aber von der Kirchenleitung nicht zur Kenntnis genommen wird:»Der Weg der charismatischen Jesusbewegung zur Großkirche folgte soziologischen Gesetzmäßigkeiten. Eine charismatische Bewegung bedarf der Institutionalisierung, soll sie die Zeiten überdauern. Sie bedarf insofern der Großform «Kirche», will sie nicht zur Sekte werden und der Gefahr der Selbst-Ghettoisierung erliegen. Die Formen der Institutionalisierung hängen jedoch, wie die Geschichte zeigt, von soziokulturellen Vorgaben in der jeweiligen Gesellschaft und der konkreten Situation der Gemeinden ab. Keine der entstandenen Formen kann den Anspruch erheben, die einzig Richtige und für immer Gültige zu sein.»
Dann folgt der Befund, den ich im Titel erwähnt habe: die Möglichkeit, aufgrund der Bibel die Kirche demokratisch zu strukturieren:
«Die Ausbildung einer hierarchischen Kirchenstruktur im zweiten Jahrhundert, die im Monepiskopat und schließlich in der Primatialgewalt des Bischofs von Rom die abendländische Kirchenentwicklung bestimmte, war nicht zuletzt bedingt durch den Patriarchalismus der antiken Gesellschaft und die monarchischen Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen des römischen Imperiums. So darf im Rückblick auf das urchristliche Erbe gefragt werden, ob die damalige weithin unkritische Übernahme traditional-patriarchaler Herrschaftsformen und deren spätere autoritär-bürokratische Ausprägung in der römischen Kirche für die künftige Entwicklung der Kirche eine bleibende Verbindlichkeit beanspruchen kann. Den Vorgaben des Paulus in 1 Kor 12 und Röm 12 oder des Matthäus in 23,8-11 hätten demokratisch-bruder¬schaftliche Verfassungsformen eher entsprochen.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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