Nicht nur wegen dem PriestermangelDer Pflichtzölibat soll abgeschafft werden, weil wir zu wenig Priester haben. Oder neuerdings: … weil es Missbrauchsfälle gibt. Diese Argumentation greift für Walter Kirchschläger zu kurz. Er stellt die Problematik in einen –wohltuend – grossern Zusammenhang.DIE KLARSTELLUNG IN DER FRAGE NACH DEN KRITERIEN FÜR DEN GEWEIHTEN DIENST IN DER KIRCHE IST NICHT DIE ANTWORT AUF EINE MANGELERSCHEINUNG, SONDERN SIE ENTSPRICHT DER SORGE UM THEOLOGISCHE GERECHTIGKEIT.Unter den möglichen benennbaren Defiziten hebe ich damit ein einziges, m. E. aber das entscheidende heraus: Die Diskriminierung eines Geschlechts und eines überdies sakramentalen Lebensstandes ist eine theologische Ungerechtigkeit. Mir liegt sehr viel daran, dass dieses Argument in den Vordergrund tritt und das vermeintliche Kernanliegen der Behebung eines Mangels ablöst. Denn das letztere könnte sich auch wieder ändern, und es wird ja auch unter Hinweis auf die reformierten Schwesterkirchen gerne bestritten – ob zu recht oder zu unrecht, lasse ich dahingestellt.Aber gesetzt den Fall, es gäbe aus welchen Gründen auch immer keinen Priestermangel (mehr), wäre dann das Engagement für veränderte Zulassungskriterien und für eine Vielfalt des geweihten Dienstes in der Kirche hinfällig? Vermutlich teilen Sie mein «nein» auf diese Frage. Dann muss aber auch deutlicher werden: Es geht um die Behebung eines theologischen Mangels. Es geht darum, prinzipiell die Fähigkeit des Menschen für den verbindlich beauftragten Dienst in der Kirche festzustellen – des Menschen, der «männlich und weiblich» als Ikone Gottes in diese Welt geschaffen ist . Denn das ist eine Frage der Übereinstimmung von kirchlicher Lehre und Praxis mit dem Zeugnis der Bibel. Deswegen spreche ich von einer theologischen Ungerechtigkeit. Es liegt ein Mangel an Christuskonformität vor. Das aber bedeutet schon in sich, dass es das Leben der Kirche behindert. «Haben wir also Gesetze, wonach Gemeinden sterben sollen?» fragt in diesem Zusammenhang Leo Karrer. Die Praxis Jesu und die Glaubensreflexion der frühen Kirche sagt zu dieser Frage etwas anderes als wir heute lesen und erleben. Man und frau verweise nicht auf die lange Dauer einer entsprechenden Auffassung in der Geschichte der Kirche. Defizite gewinnen nicht durch Anhäufung von Jahren an Richtigkeit, und für ein theologisches Wachsen – um nicht zu sagen: Bekehren – ist immer die richtige Zeit. Immerhin konnte die Kirche auch 1000 Jahre ohne Ehesakrament leben …
Fortsetzung folgt
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant