Sr. Anneliese Herzig MSsR

Dr. theol.
bis April 2013 Generaloberin der Missionsschwestern vom Heiligsten Erlöser
 

Mein Blick auf das Konzil

Während ich in Tagen von Exerzitien schweigend mein Essen einnahm, hörte ich eine Konversation am Nebentisch mit. Da war die Rede von den einen, denen «die Augen feucht werden», wenn die Sprache auf das Zweite Vatikanum kommt. Und von den anderen, die «nur mehr mit der Schulter zucken» und für die das Konzil einfachhin eine historische Gegebenheit ist und bei dessen Umsetzung manches gut, manches aber auch schlecht gelaufen sei. Ich konnte mich weder in dem einen noch in dem anderen finden. Mir ist dann bewusst geworden, dass ich bereits ganz «im Geist des Konzils» kirchlich sozialisiert geworden bin, auch wenn ich als Kleinkind noch die lateinische Messe erlebt habe. Zumindest in meinem Umfeld habe ich als Kind und Jugendliche keine Auseinandersetzungen um das Konzil und seine Umsetzung erlebt. Ich hatte also zunächst keinen «Blick» auf das Konzil, es war einfach da wie die Luft zum Atmen. Das gilt auch noch für meine Studienzeit.
Eigentlich erst bei meiner Dissertation über die Theologie des Ordenslebens nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe ich mich bewusst und mit gewissem Abstand mit den Konzilstexten beschäftigt. Fasziniert hat mich der Prozess, in dem die Texte entwickelt worden sind. Die Bischöfe  und ihre Berater haben sich getraut, Position zu beziehen und haben miteinander gerungen. Bei dieser Arbeit sind mir auch die offenen Fragen begegnet, die das Konzil zurückgelassen hat und die uns zum Teil bis heute beschäftigen. Über anderes ist die Zeit einfach hinweggeglitten und manches ist fast dem Vergessen heimgefallen. «Konzil des Übergangs» wurde es schon bald nach seinem Ende und auch später genannt (David Seeber, Karl Rahner, Hermann Josef Pottmeyer). Dieser Übergang scheint mir längst noch nicht vollendet. Wir müssen unser Kirchesein und unseren Glauben in sich rasch ändernden Zeiten leben, Zeiten, die von denen des Konzils schon weit entfernt sind. Mancher Konzilstext trägt deutlich die Spuren der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts an sich, anderes bleibt frisch und einladend bis heute. Oder beginnt, heute wieder neu zu sprechen. Und gibt zu denken. Wir sind jedenfalls noch nicht fertig mit dem Konzil. Wichtiges Rüstzeug hat es uns mit auf den Weg gegeben.

Konzilsblogteam

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