Was steht in der Bibel?

Eine nicht-fundamentalistische SichtDen Muslimen wird oft vorgeworfen, sie würden ihren Koran fundamentalistisch lesen; das heisst unkritisch, ohne den eigentlichen Wortsinn zu hinterfragen. Und wir Christgläubigen?Ich finde dazu eine Passage in einem Vortrag, den Walter Kirschschläger zwar schon vor drei Jahren gehalten hat. Aber nach wie vor bedenkenswert ist. Es geht um die These:
«IN DER KIRCHE DER NEUTESTAMENTLICHEN ZEIT WERDEN DIENSTE NICHT AUFGRUND DES KRITERIUMS VON GESCHLECHT UND LEBENSSTAND ÜBERTRAGEN.»
Walter K. fährt dann fort: «Zustimmung und Ablehnung zu dieser These hängen vom Zugang zum biblischen Befund ab. Dabei geht es zunächst um ganz grundsätzliche Fragen des Bibelverständnisses. Sie können in diesem Rahmen auf die grundlegenden Fragestellungen beschränkt werden, mit denen ich mich dem biblischen Text nähere. Begnüge ich mich mit der Frage «Was steht hier?», frage ich also einfach nach dem geschriebenen Wortlaut der Bibel, so werde ich zwangsläufig zu anderen Ergebnissen kommen, als wenn ich nach der gründlichen Erhebung des Textbefundes eine zweite, alles entscheidende Fragestellung hinzufüge, nämlich: «Was ist damit gemeint?» Denn mit diesem zweiten Annäherungsversuch an den biblischen Text wird das gesamte Bibelverständnis der heutigen Theologie mit eingebracht, das mich lehrt, dass die Bibel nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern dass hier biblische Verfasserinnen und Verfasser unter der führenden Leitung von Gottes Geist die Botschaft an ihre zunächst historisch bestimmbaren Adressatinnen und Adressaten formulieren. Diese Situationsbezogenheit der einzelnen biblischen Schriften und Texte macht dann aber eine Interpretation und Transformation in die jeweils neue Gegenwart notwendig. Das ist nun nicht eine willkürliche Vorgangsweise der heutigen Exegese; dieses Vorgehen ist Auftrag des II. Vatikanischen Konzils, wie auch das zugrunde gelegte Bibelverständnis auf dem letzten Grossen Konzil ausformuliert wurde. Die zu unserer Thematik bedeutsamen Dokumente des römischen Lehramtes sowie zahlreiche Nachfolgeäusserungen von Bischöfen stellen diese zweite Frage an die Bibel nicht, sondern begnügen sich mit der wortgetreuen Lektüre der Bibel. Diese Aussage lässt sich durch zahllose Beispiele belegen – auch wenn ich Ihnen diese im heutigen Rahmen schuldig bleiben muss. Die Frage, wie sich diese Vorgangsweise mit der immer wieder beteuerten Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils und der Treue zu dieser Kirchenversammlung verträgt, lasse ich dahin gestellt.»
So weit mein Namensvetter. Ich überlasse es euch, Beispiele zu nennen….

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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