Eine Illusion?

Gewaltfrei Gewalt überwinden(Am 25. November publizierte ich hier eine Glosse über Gewaltfreiheit. Darauf hat das christkatholische Kirchenblatt mich gebeten, sie etwas auszuweiten. HIer nun diese Version. Wer die erste gelesen hat, kann einfach ungefähr nach der Mitte einsteigen….)Es wurde intensiv geballert und deftig gehasst: im TV-Film «Der Baader Meinhof Komplex» und bestimmt auch in der dargestellten Realität der Bundesrepublik während des RAF-Terrorismus in den 1970er-Jahren. Hätte damals jemand die Bergpredigt und ihr Ideal der Gewaltfreiheit zitiert, hätte er wie ein Ausserirdischer ausgesehen. Der Satz Jesu «Selig die Gewaltfreien» tönte nicht wie eine Verheissung; sondern eher naiv und weltfremd.Wir wissen, wie die Geschichte weiterging: Herausgekommen ist gerade das Gegenteil dessen, was die terroristischen Kämpfer beabsichtigt hatten: Statt mehr Freiheit gab es mehr Repression. Damit erreichten jene, die sich als Freiheitskämpfer ausgaben, ganz offensichtlich mehr Unfreiheit und Unterdrückung.Am Schluss der darauf folgenden Dekade vertrauten die Bürger, die im andern Deutschland» einen menschlicheren Staat wollten, nicht auf Waffen. Sie handelten ganz bewusst gewaltfrei. Auch hier wissen wir, wie es weiterging. Die Gewaltfreien siegten (auch wenn das, was sie erreichten, in vielem nicht ihren Erwartungen entsprach). Und aus den inzwischen geöffneten Akten erfahren wir, dass die geringste Gewaltanwendung der Bürgerrechtler zu einem unvorstellbaren Blutbad geführt hätte.Es war eine glückliche Fügung, dass im Deutschen Fernsehen/ARD der «Report München», der im Anschluss an die zweite Folge über den «Baader Meinhof- Komplex» ausgestrahlt wurde, nicht nur die Hintergründe des RAF-Terrorismus zeigte. Dieser Report-Beitrag widmete sich der Jugendgewalt, ausgehend von den zwei Jugendlichen, die im Münchner S-Bahnhof Solln einen Mann erschlagen hatten, der sich schützend vor vier junge Menschen gestellt hatte.Der Pastor warnte im Gedenkgottesdienst davor, Jugendgewalt nur mit hartem unbarmherzigem Durchgreifen zu beantworten. Fachleute versuchten die Ursachen der Jugendgewalt zu erklären. Auch sie kamen zum Ergebnis, dass blosses Zurückschlagen zu nichts führt. Was keineswegs heissen soll, dass wir wegschauen, untätig bleiben und damit zulassen, dass das Böse sich ungehindert verbreiten kann!Die Menschenrechtskämpfer in der DDR haben bewiesen, dass die Alternative «Gewalt oder Stillhalten» falsch ist. Es gibt einen dritten, erfolgreichen Weg. Er bedeutet, dass wir Böses nicht mehr Bösem vergelten. Sonst drehen wir bloss an der Spirale der Gewalt – wie wir es beispielsweise praktisch Tag für Tag in den Nachrichten aus Israel/Palästina erfahren.In den Debatten um die «Nachrüstung» der 1980er-Jahre wurde die Lösung mit einem Begriff skizziert, der wohl für alle überraschend war und seither wieder weitgehend vergessen wurde: Das biblische Gebot der Feindesliebe weiterführend, sprach der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide von der «Entfeindungsliebe». Diese bedeutete: «Behandle deinen Feind so, dass er aufhört, dein Feind zu sein und zum Freund wird.» Lapide warnte: «Wenn wir nicht konkret mit der vorgelebten Entfeindungsliebe beginnen, dann wird die Feindschaft weiter wuchern.» Der grosse jüdische Theologe fragte: «Wer ist der Mächtigste im ganzen Land? Seine Antwort: «Der Mensch, welcher Liebe seines Feindes gewinnt.»Es gibt unterschiedliche Wege der Entfeindung. Ein wichtiger, wenn auch hierzulande unpopulärer heisst: als erster vertrauensfördernde Schritt tun. Ohne auch hier noch auf die Problematik der Minarette ausführlich einzugehen, dazu doch der Hinweis: Wir warten nicht darauf, bis die andern (die muslimischen Länder) uns fair behandeln, sondern behandeln sie grosszügig und schaffen damit Goodwill. Mit andern Worten: Wir warten nicht, bis die andern vernünftiger werden und ethischer handeln. Wir beginnen selber damit und hoffen, dass dadurch das Eis der Feindschaft allmählich schmilzt.Eine zweite Möglichkeit, sich Freunde zu verschaffen, ist der Dialog. Schon dadurch, dass ich mich für die andern, Wünsche und Interessen interessiere, wecke ich in ihnen Sympathien. Indem ich mich für ihre Lebensweise und ihre Gedankenwelt öffne, baue ich Vorurteile und Vorverurteilungen ab.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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