Eine palästinensische StimmeZoughbi Zoughb ist Gründer und Leiter des palästinensischen Zentrums für Konfliktlösung «Wi’am in Bethlehe. Es lohnt sich, ihm zuzuhören….:
Versöhnung scheint momentan «in» zu sein. Jede/r scheint darüber reden und Versöhnung unterstützen zu wollen. Aber was gehört zu Versöhnung und wie wirkt sich das bei der Reali¬sierung eines wahrhaftigen Friedens aus?
In Hinblick auf die Ungerechtigkeiten, die versöhnt werden sollen, gibt es zwei Hauptakteure – den Unterdrücker (Israel) und die Unterdrückten (PalästinenserInnen). Der eine hat die proaktive Rolle des Schaffens von Fakten am Boden übernommen, während der andere gezwungen ist, die reaktive Rolle des Oberlebens zu übernehmen.
Obwohl der Unterdrücker fortwährend «nach Sicherheit schreit», ist er es, der Sicherheit hat- der die Waffen trägt und die Schlüssel in Händen hält. Der Unterdrücker setzt seine Zinnsoldaten in Bewegung zum Trommelklang der Einstellung: «Macht hat Recht». Indem sie ihre Panzerrüstung hochhalten, schützen sie sich nur vor der Wahrheit. Bei der Teilnahme an Versöhnung nützt der Unterdrücker oft die Gelegenheit zu seinem Vorteil. Er untergräbt den Willen zum Gespräch durch sein Schaffen harter Fakten wie die Beschlagnahme von Land, das Ausreißen von Oli¬venbäumen, die Zerstörung von Häusern, die Schaffung neuer Siedlungen und den Bau neuer Durchzugsstraßen, die palästinensische Dörfer und Städte voneinander trennen, sowie kulminiert durch die Errichtung der Apartheid-Mauer. (…)
Der Unterdrückte fährt damit fort, Gerechtigkeit zu verlangen. Die Verkörperung von Gerechtigkeit ist die Bedeutung wahren Friedens – Gerechtigkeit, anerkannt zu werden, Einhaltung der Menschenrechte auf ein Leben mit Nahrung, Wasser und Schutz, Chancengleichheit, Bewahrung des eigenen Erbes, Lernen und seiner eigenen Meinung Ausdruck geben und Freiheit von Gefangenschaft. (.:.)
Versöhnung kann nicht stattfinden, bis es nicht Zusammenarbeit zwi¬schen den drei Ebenen gibt, die sich für Frieden einsetzen. Einerseits kämpfen Palästinenserinnen weiter, um die Besatzung loszuwerden. Zweitens wünschen die Israe¬lis aus dem ,Friedenslager`, vom Besatzer-sein befreit zu werden. Und drittens wollen außenstehende Parteien für Frieden und Gerechtigkeit helfen. Wir sollten nicht zu optimistisch sein, sogar mit dieser Zusammenarbeit, denn das Haupthindernis für Versöhnung bleibt bestehen: die israelische Regierung. (…)
Wenn wir uns auf die Geschichte beziehen, ist es das Ziel, Ungerechtigkeiten wieder gut zu machen, nicht zu vergelten, und sicher nicht sie in ein «Henne-Ei-Problem» zu verwandeln. Der Kreislauf der Gewalt muss durchbrochen und durch Zusammenarbeit für Versöhnung ersetzt werden. Sonst wird ,verdrängte Aggression’ einen neuen Kreislauf der Gewalt hervorrufen. Juden und Jüdinnen und viele andere waren die direkten Opfer des Holocaust. Die Ironie der Situation in Israel/Palästina ist, dass wir Palästinenserinnen die Opfer der Opfer des Holocaust geworden sind.
Fortsetzung folgt!
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant