Der Versuch, «Weihnachten pur» zu beschreiben»(Hier Auszüge aus meinem Weihnachtsartikel, den ich auf Einladung des Pfarrblattes von Thurgau und Schaffhausen verfasst habe:)
Ich komme soeben von Augsburg zurück. Dort kann man zurzeit nicht die Altstadt besichtigen, ohne in zwei Weihnachtsmärkte zu geraten, einen für Kinder und einen für Erwachsene. Und als ich in Luzern aus dem Zug stieg: schon wieder ein solches Event. Dazwischen, bei nächtlicher Fahrt durch Dörfer und Städte, war überall festliche Weihnachtsbeleuchtung zu sehen. Also: überall Weihnachten. (Und dies schon im Advent.) Oder auch: «Alle Jahre wieder».Ich möchte das Beschriebene nicht als belanglos abtun. Denn wir brauchen äussere Zeichen. Wir emotionalen Wesen benötigen Dinge, die uns in Stimmung bringen. Nur sollte die Fassade nicht das Wesentliche verdrängen. Ich habe kürzlich in einem Interview meine weihnachtlichen Erfahrungen in Brasilien beschrieben, wo ich dieses Fest ohne Schnee, Tannenbäume und weitgehend ohne andere, für uns so typische Äusserlichkeiten erlebte. Die junge Reporterin nahm den Ball geschickt auf und sprach von einem «Weihnachten pur».In der DunkelheitWas gehört denn zu diesem puren Weihnachten? Während ich darüber nachdenke, stelle ich zur Entspannung meinen Kassettenrekorder ein. Und höre Udo Jürgens singen: «Immer immer wieder geht die Sonne auf. Denn Dunkelheit für immer, die gibt es nicht.» So finde ich eine erste Antwort auf unsere Frage. Denn bekanntlich wurde das Datum unseres Festes auf die Zeit der grössten Dunkelheit angesetzt.Nicht zufällig nehmen viele unserer traditionellen Lieder den Gedanken von Licht und Dunkel auf. Und wir können uns überlegen, wie unsere Welt aussähe, ohne dass «immer immer wieder» weihnachtliches Licht erstrahlt, indem die Sonne Jesu Christi über unserem Leben aufgeht. Als Antwort fällt mir das Wort des linkskatholischen Schriftstellers Heinrich Böll ein: «Ich möchte lieber in der schlechtesten christlichen Welt leben, als in einer nichtchristlichen, denn in einer christlichen Welt ist immer auch Raum für die Schwachen.»Böll nimmt sehr treffend Bezug zum Raum, den das Christentum für die Schwachen geschaffen hat. Wir können hier an die Umstände der Geburt Jesu denken: Jesus erblickt nicht das Licht der Paläste, sondern kommt in einem dunklen, kalten Stall zur Welt. Und auf dem Höhepunkt seines Lebens verheisst er, er werde uns in den ärmsten, schwächsten und verachtetsten unserer Nächsten begegnen.Platz für SchwacheDas Licht, das von Weihnachten her aufleuchtet, lässt uns darum erkennen: Auch wenn wir schwach sind, haben wir Platz auf Gottes Erde. Oder andersherum: Wenn Weihnachten für uns nicht folgenlos sein will, schaffen wir Platz für die Menschen, die weniger stark, weniger erfolgreich, weniger glücklich sind als wir. Wenn Gott Mensch wurde, sind wir eingeladen, auch für diese seine schwachen Geschöpfe Mitmensch zu werden. Dann erfahren wir alle: «Dunkelheit für immer, die gibt es nicht.»(Es folgen einige Überlegungen zum Thema «Schenken», die ich abschliesse mit:)Eine Schenkforscherin – dies gibt es tatsächlich – warnt davor, nach dem nächst besten Geschenk zu greifen, sondern dieses sorgfältig auszuwählen. Dann könne das Geschenk sagen: «Du bist mir wichtig. Ich freue mich, wenn du dich freust.» Ich möchte noch die ganz einfache theologische Einsicht anfügen, die mir meine Mutter, eine einfache Bäuerin beigebracht hat: «Gott schenkt uns an Weihnachten seinen Sohn. Deshalb wollen wir einander beschenken.»(Fortsetzung morgen)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/weihnachten-geburtstag-mit-folgen/