Wenn die Brüder mitgemeint sind ...

«Schwester Kardinal»Jede Veränderung von Texten in der Liturgie sei eine «verwerfliche Gewohnheit», heisst es in einem offiziellen Dokument der Mutter Kirche, die dagegen ist, dass in den biblischen Texten der Liturgie «Schwestern und Brüder» erwähnt werden. Dazu Walter Kirchschläger in seinem Wiener Referat:
In der liturgischen Verkündigung aus der Heiligen Schrift ist die üblicherweise vor die Lesung gestellte Anrede «Schwestern und Brüder» nicht rechtens. Folglich wird im biblischen Text selbst nur die übliche Mono-Genderbezeichnung «Brüder» verwendet. Anderes gestatten die liturgischen Normen nicht.Sie sehen als mögliche Anfangsworte für die Verkündigung der Lesung einfach die Anrede «Brüder» oder «Geliebte» vor.6 Dies wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Die explizite Sichtbar- bzw. Hörbarmachung beider Geschlechter in der Verkündigung biblischer Texte bleibt untersagt; sie wird auch in die gegenwärtig laufende Revision der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift nicht eingearbeitet.
Meine Freundin D. erzählte mir: Sie war im Vatikan an einem Kongress für Frauen. Der anwesende Kardinal hatte die Versammelten in seiner französischen Ansprache als «Frères» angesprochen. Meine Freundin reklamierte bei ihm. Und erhielt die übliche Antwort, bei «Brüder» seien die Schwestern mitgemeint. Darauf verabschiedete D. sich beim Kardinal: «Au revoir, ma soeur!» Exzellenz guckte blöd aus seiner wertvollen Wäsche. Worauf D. konterte: «Wenn ich soeur sage, meine ich auch die Brüder.» Am nächsten Tag änderte der Kardinal seine Anrede.

Walter Ludin

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