Wenn der Gekreuzigte friertAn religiösen Zeichen herrscht wahrlich kein Mangel: Im Film «Tannöd» gibt es noch und noch Heiligenbilder, Kruzifixe, Rosenkränze und andere fromme Gegenstände. Wahrhaft ein urkatholisches Bayernland wird von der Schweizer Regisseurin Bettina Oberli auf die Leinwand gezaubert.Doch vor dieser erbaulichen Kulisse spielt sich Schreckliches ab: Vergewaltigungen in Serie, Orgien des Hasses und als makabrer Höhepunkt ein sechsfacher Mord. In Anspielung auf das Kruzifix, das beim Dorfeingang im Schneegestöber steht, titelte der Filmkritiker mehrerer grosser Tageszeitungen: «Der Erlöser friert am Kreuz.»Und nun fällt mir eine Frage ein, die eigentlich überflüssig ist und dennoch gestellt werden muss: Möchte Jesus von seinen «Nachfolgern» vielleicht weniger abgebildet, aber mehr nachgeahmt werden? Und damit stiess mich der Film auf ein aktuelles, in letzter Zeit viel diskutiertes Problem: das europäische «Kruzifix-Urteil». Die Sache ist zu komplex, als dass sie in wenigen Worten abgetan werden könnte.Und dennoch frage ich mich, was Jesus dazu sagen würde. Ist es für ihn wirklich so wichtig, an möglichst vielen Orten abgebildet zu werden? Würde er seinen Verteidigern nicht am liebsten zurufen: «Kümmert euch endlich um Wesentlicheres! Ich möchte nicht zu einem religiösen oder gar gesellschaftlichen Symbol verkommen. Mir ist wichtig, dass ihr leidende Menschen vom Kreuz nehmt.» Sind wir noch fähig, uns auf diese Ebene einzulassen? Eine Ebene, die uns stärker herausfordert als akademische und juristische Dispute!
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant