The crucible II

‘Der Text ist unglaublich aktuell und lebendig, man merkt ihm bis auf die verklärende Schluss-Szene, in der John Proctor als freier Mensch in einen selbstgewählten Tod geht, das Alter kaum an. Zwar kündigte der junge Regisseur, Krzystof Minkowski, an, das Thema Religion nicht allzu sehr in den Vordergrund zu stellen, doch Millers Versuchsanleitung und Text spielen so deutlich mit allen ihren Versatzstücken, dass einem als Theologe/in das Grausen überkommt. Exemplarisch wird am Bild einer evangelikal-freikirchlich geprägten Gesellschaft gezeigt, wie ein wörtliches Verständnis der heiligen Schrift, wie eine enge Sozialkontrolle der Gemeindemitglieder und wie der doktrinäre Versuch, eigenes selbständiges Denken durch kollektiv zu glaubende Dogmen zu ersetzen, eine Gruppe zu Gewaltexzessen und Schuldzuweisungen bringen kann, die am Ende sogar die eigenen Anführer zweifeln lassen, wozu Religion denn gut sei. Es ist egal, ob islamistisch, katholikal, jüdisch-orthodox, russisch-homophob oder eben evangelikal – alles läuft auf die These des Dalai Lama hinaus: «Manchmal denke ich, es wäre besser, es gäbe keine Religion».’ 

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/the-crucible-ii/