Gradmesser

Da kann ich ja grade bei meinen eher düsteren Neujahrsgedanken anschliessen (»manchmal denke ich…»):
Der Gradmesser, ob eine Religion bzw. von dieser Religion geprägte Kulturen und Gesellschaften Moderne-tauglich, sprich in einer liberalen Welt, die die Menschenrechte achtet und respektiert und damit die Würde des freien autonomen Entscheids jedes Individuums respektiert, überhaupt noch schützens- und wünschenswert sind, ist unter anderem ihr Umgang mit Ironie und Kritik.
Nun schreien Sie bitte nicht gleich los, dass das Christentum nicht besser sei als der Islam. Auch in diesem Punkt hat Benedikt XVI. in Regensburg wieder korrekt gesprochen. Ich bin Theater- und Film-Fan und gebe gerne zwei Beispiele:
a) Monty Pythons (übrigens geniale) Parodie über kitschige Sandalenfilme, «The life of Brian», durfte in England produziert werden, durfte in Kinos ausgestrahlt, darf als DVD verkauft werden. Obwohl die Evangelikalen mit den Zähnen knirschten und knirschen, haben sie keine Bomben geworfen.
b) Schon 1956 schrieb der Brasilianer Ariano Suassuna die herrliche Komödie «Das Testament des Hundes», in der Maria vom Himmel niederfährt und ihren allzu unbarmherzigen Sohn Jesus auf offener Bühne zusammenstaucht. Wir Katholiken haben gelacht, selbst in Südamerika.
Eine Religion, die unfähig ist zu Selbstkritik und Selbstironie, verdient im liberalen Rechtsstaat weder Anerkennung noch besonderen Schutz.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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