Die 6. live

Bekannt das Bonmot, dass es (ungeachtet den Herren Beethoven, Bruckner und Dvorak) nur eine wahre 6. gebe. Und die kam gestern nun auf das fast zu enge Podium der St.Galler Tonhalle. Die Kontrabässe mussten auf die Chorempore, die Kuhglocken in den Zugang platziert werden.
Gewaltig und einmalig, so ein Werk live erleben zu dürfen. Das ist ein Geschenk, dass einem nur wenige Mal im Leben zuteil wird. Das Orchester fand den Balanceakt zwischen kitschigem Wohlklang (etwa im Walzer-Rhythmus des 2.Satzes), düsterem Sound, der an Filme aus den 40ern und 50ern erinnert (Schlusssatz) und monumentalem Bläser- und Blechgetöse am Rande des für die Ohren Erlaubten. «Die» Sechste lebte in St.Gallen auf und fand Zustimmung. Und übrigens: Dieses Werk modern zu nennen (im Rahmen der üblichen musikgeschichtlichen Definitionen), das ist Unfug. Es ist einfach solitär, aber musikalisch nie atonal.
Und Otto Tausk, der für das Werk junge Dirigent? Er zappelte viel herum, meinte wohl, die Herausforderung mit Aktionismus (und etwas zu schnellen Tempi, aber das ging dem jungen Bernstein genau gleich…) bewältigen zu müssen. Aber das Werk zähmte ihn, das Doppelorchester (St.Gallen/Winterthur) war erstaunlich gefestigt. Ein in dieser Wirkung nicht zu erwartender Abend in der Provinz. Danke!

Heinz Angehrn

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