In dürftiger Zeit

So titelte doch Rolf Bossart seine Kolumnen in den «Neuen Wegen». In gleich dürftiger Zeit sehe ich uns/mich, wenn ich das sinkende Niveau der Theaterkritik bei uns in der Provinz betrachte.(PS:  Noch nicht infiziert davon ist die total abgehobene Kritik der «reichen» Zeitungen und der Fachzeitschriften, in denen eine Inszenierung grundsätzlich nur dann gut wegkommt, wenn sie entweder Sinn und Inhalt des Stückes auf den Kopf kehrt oder ästhetisch hässlich ist!)
Nun aber zur Dürftigkeit in der Provinz. Ich war (glücklich) gleich in zwei Premieren in St.Gallen hintereinander mit in der ersten Reihe, der von Cole Porters Musical-Revue «Anything goes» und der von Friedrich Schillers Schülerpflichtlektüre «Kabale und Liebe». Beide Inszenierungen waren übrigens gut, im ersten Fall sogar sehr gut. Doch die bezahlten Kritiker/innen des lokalen Blattes hielten/halten dieses Niveau nicht mit. Wurde im ersten Fall einfach die Handlung nochmals erzählt, genügte es der zweiten Kritik, als aufregendste Mitteilung kundzutun, dass Schüler «fuck Schiller» herumschicken. Die starken Symbole der Inszenierung (nebst dem der nicht zu übersehenden Ameisen) bemerkte Mann/Frau Kritiker/in nicht: dass Ferdinand zu Beginn das blutige Soldatenhemd abzieht und damit zu einem Andern wird; dass Wurms Präsentblumen von Anfang an impotent-schlaff herunterhängen; dass das ganze Ensemble dem tragischen Paar den Giftbecher reicht.
Lieber Rolf, nicht nur das neoliberale Denken und System ist dürftig, nein auch dessen Überbau. Ich denke, dass dies Dich nicht freut. Mit Gruss!

Heinz Angehrn

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