Vergangene Zeiten VI

Der Kleriker, der diese Messe zur frühen Stunde hielt, war der Herr Domdekan Büchel (nicht mit dem jetzigen Bischof verwandt). Wir nannten ihn «Totebeinli», denn er war bleich und skelettartig und irgendwie nicht von dieser Welt. Er war auch schwerhörig, das kam uns zugute. Die lateinischen Antworten, insbesondere die langen Confiteor und Suscipiat, musste man nicht korrekt zu Ende beten, es brauchte bloss eine knarrende Kaskade von Silben, die Totebeinli genügte. Auch hatte er das gewaltige Privileg, dass er als einziger nebst dem Bischof am Bischofsaltar zelebrieren durfte. Das tat er dann mutterseelenallein an diesem Riesenaltar, und der Ministrant ging gewaltige Wege. Auch zelebrierte er gar langsam, so dass ich jeweils hinter seinem Rücken kleine Spaziergänge unternahm. Das aber sah der Zerberus, und der Tadel war gewaltig.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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