Erstmalig bin ich auf einen seriösen Versuch gestossen, die doch eigenartig-faszinierende Rede Benedikts vor dem Deutschen Bundestag mit dem Grundthema des Naturrechts zu werten. Vorgenommen wird dieser Versuch – und das ist nun überraschend – vom ehemaligen Chefredaktor der «Neuen Wege», Willy Spieler, in deren aktuellen Ausgabe (12/2011, S.335-337). Und dies in einer Nummer, in der höchst politikaktuell geschrieben wird (Artikel von Roman Berger zum Putin-Russland und von Rolf Bossart zur neuen Regierung Italiens und zur Ständeratswahl in St.Gallen).
Willy beschäftigt sich mit der Frage, warum Herr Ratzinger sich so der Naturrechtslehre annahm und gleichzeitig den Rechtspositivismus kritisierte. Und er argumentiert, dass – wenn Katholiken von Naturrecht reden – damit wohl die spezifisch katholische Definition dessen, was «natürlich» und «widernatürlich» ist (man denke an die Themen Ehescheidung, gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Empfängnisverhütung), gemeint ist, und wohl nicht das «Naturrecht», das hinter der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht. Peinlich, dass ich diese feine Differenz damals nicht sofort erkannte. Danke, Willy!
Noch schlimmer (und ich kann nur hoffen, dass er hier etwas einseitig sieht) die These, dass Ratzinger bei seiner Kritik am Rechtspositivismus mit Hauptquelle Hans Kelsen sich im Wesentlichen auf «Sekundärliteratur aus dem Dunstkreis des Opus Dei», publiziert «in einem Verlag der Piusbrüder», stützt. Falls dies wahr wäre: O alter Mann, wo schaust Du da hin?
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant