Nun schreckt mich ein Bericht über die gestrige Sitzung des St.Galler Stadtparlaments auf. Es ging unter anderem um eine Ausweitung und Stabilisierung des Projekts «Kinderarbeit», das mit einem Pilotversuch im Osten der Stadt begonnen hatte. Der Hintergrund ist Städtern wohl bekannt: Es gibt immer mehr grössere Gruppen von Kindern, die in Zeitdimensionen von mehr als einem halben Tag auf sich selber gestellt sind. Analog den Jugendtreffpunkten vor 30 Jahren schafft die Stadt nun in sozial schwierigen Quartieren Kindertreffpunkte, in denen Kinder zu sinnvoller Freizeitgestaltung befähigt werden.
Im Parlament waren fast alle dafür, von der SP bis zur SVP (!!!). Nur das Votum der Mehrheit der FDP-Fraktion befremdete: Sie war gegen das Projekt, weil es mehr «Sozialismus» bedeute.
a) Es ist mir schleierhaft, warum bereits das politische Reagieren auf Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen der postmodernen Gesellschaft «sozialistisch» genannt werden kann. Dann wäre ja auch die Bologna-Reform «sozialistisch», auch das Cassis de Dijon-Prinzip! Das ist plump, und dies von der staatstragenden Partei, die uns Vorbild sein will (und soll!).b) Ich habe mir ernsthaft überlegt, endlich die klare Konsequenz aus meinen politischen Überzeugungen zu ziehen (natürlich auch um Gegensteuer zu allen braunen und grünen Fundamentalismen zu geben) und mich zumindest geistig den Liberalen anzuschliessen. Aber dieses Exemplum schreckt ab.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant