Geisterbahn 6

Langsam, aber sicher – denn trotz seiner manchmal ausufernden Phantasie war Ingo tief im Gehirn auch kaltblütiger Realist – begann er sich mit Nummer Vier abzufinden, als Kellers Stimme erklang: «Aufräumen – Hefte abgeben – Ihr wisst, dass es heute schnell gehen muss!» Und schon läutete die Glocke, um den Teil des Tages zu eröffnen, der bei Ingos Klassenkameraden Action in Fülle und für ihn Lesen und Musse zuhause bedeutete. Nur stand heute leider Reto zwischen dem Schulhaus und der Musse. Listig hatte Ingo schon alles gepackt und verliess das Zimmer in ungewohntem Tempo, doch da ereilte ihn das Schicksal mit Kellers Stimme: «Halt, Ingo, noch einen Moment!» Erschreckt, eventuell von Keller wegen etwas Unergründlichem getadelt zu werden, trat er vor ihn hin. Kellers strenges, blasses, magenkrankes Gesicht sah auf ihn herunter; Ingo fühlte Panik in sich aufsteigen. Keller aber bemerkte trocken: «Die Prüfung, die ich heute ausgeteilt habe, hast Du gut gemacht. Mach so nur weiter und sei fleissig!» Hinter sich hörte Ingo ein ganz leises spöttisches Gemurmel, konnte es aber nicht zuordnen. Doch wie ihn Keller dann gnädig entliess, war es aus mit all seiner Planung.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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