So machte er sich, zumal er seine Schreibarbeit an diesem Nachmittag schon beendet hatte und mehr die Regentropfen draussen als das Gekritzel im Schulzimmer beachtete, daran, Fluchtpläne für die Zeit nach dem heute von ihm befürchteten baldigen Klingeln der Schulhausglocke zu entwerfen. Die beste und erfreulichste Möglichkeit wäre die, dass Reto nachsitzen müsste, was bei Keller häufig möglich war. Doch heute hatte Keller gleich anschliessend seinen Modellierkurs zu erteilen, so fiel diese Möglichkeit weg. Möglichkeit Nummer Zwei wäre die, mit einem tollen Sprint Reto und allen Reto-Problemen zu entfliehen, doch konnte Ingo über sie in Anbetracht ihrer Absurdität nur lachen. Möglichkeit Nummer Drei wäre, einige Freunde um Hilfe zu bitten, ihm beizustehen. Doch waren seine wenigen «Freunde», falls man dieses Wort überhaupt brauchen konnte, in der Klasse auch eher Mitglieder der Viel-Geist-Wenig-Muskel-Fraktion, die in dem Fall nichts nützen würden. So blieb nur die wenig angenehme Vorstellung, von Reto verprügelt, von einigen Banausen ausgelacht zu werden und so verweint und wohl irgendwo auch dreckig das Zuhause zu erreichen, wo Mama beides, Tränenreste und Dreck, sofort entdecken würde. Angenehm an dieser Lösung war höchstens, von ihr dann wohl verstanden, getröstet und beklagt zu werden. Ingo dachte darüber nach, wie sich in dieser Variante der Geschichte die Gerechtigkeit dann durchsetzen würde, wie Reto vor versammelter Klasse seiner Missetat beschuldigt, hart bestraft und – hoffentlich! – auch von dieser Schule verwiesen werden würde.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant