Kommt noch dazu, dass ich schon in der Endphase meiner Gymnasialjahre diesem üblen Denken begegnete. Von meinem Religionslehrer an der Kanti angefragt engagierte ich mich in einer ökumenischen Gruppe, die am Rande der Innenstadt am Samstagabend eine Art Kaffeestube betrieb, in der Stadt Einladungs-Flyer verteilte und so erhoffte, junge Menschen von legalen und illegalen Drogen fernzuhalten. Wir sprechen hier von den Jahren 73-75.
Etwa alle 4-5 Wochen war eine konfessionell gemischte Gruppe eingesetzt. Unsere wurde geleitet von einer Heilsarmee-Offizierin, der stadtbekannten FDP-Jugendanwältin Heidi Sailer. Zu Beginn wurde gebetet, dann gearbeitet. Als Vertreter einer grossen Landeskirche fiel mir bald und trotz meiner Jugend das emsige Beten und das sektiererische Reden der Vertreter der FEG und anderer Freikirchen auf. Es gipfelte in der Aufforderung an Frau Sailer, dass sie die Leitung der Gebetsrunde an einen Mann abgeben solle, da der Apostel das in der Bibel so fordere.
Damals schon wusste ich: Solche Form der Religion ist grässlich. Sie entspricht nicht der Botschaft Jesu, wie sie mir in den Evangelien begegnete, und ist abzulehnen. In einer so denkenden christlichen Gemeinschaft wäre kein Platz für mich. Und nun stelle ich mit Schrecken fest, dass «meine» Kirche sich genau so entwickelt: sektiererisch, eng, dogmatisch, ausgrenzend, patriarchal-engführend. Der alte Mann in Rom fördert das bewusst.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant