Die «NZZ am Sonntag» berichtet, dass Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann in St.Gallen auf gepackten Koffern sitzt und nach Berlin ziehen wird, wo er in einem von ihm mitgegründeten «Think-Tank» arbeiten werde. Wir erinnern uns so knapp. Herr Thielemann war der Bösewicht, der sich erfrechte, vor einem Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages zu sagen, dass es den Schweizern an Unrechtsbewusstsein in der Frage von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug durch ausländische Kunden fehle.Ein Sturm der Entrüstung brach über den Armen herein; die hehre St.Galler Uni überlegte seine sofortige Entlassung; die SVP-Basis mitten in Bier- und Wurstgeruch fühlte sich wieder bestätigt, wie böse das ganze Ausland ist; und die Medien taten das, was sie so gerne tun: übertreiben, laut herumschreien, pauschalisieren.
Tempi passati, und nun geht er, der Mann. Wir wollen ihn noch zum letzten Male würdigen:a) Was er damals sagte, stimmt natürlich.b) Aber als Deutscher, der seine Brötchen in der Schweiz verdient, hätte er es nicht sagen sollen.c) Warum haben es nicht vor und mit ihm Schweizer Gelehrte gesagt?d) Abgesehen von allem: Seine seriösen späteren Medienauftritte (etwa in der Debatte mit SVP-Fraktionschef Baader) zeigten ihn als hochgescheiten und rotzfrechen Wahrheitssucher. Da erst habe ich ihn auch bewundert. Das war stark.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant