Man beachte zunächst das Adjektiv «mittelfristig» in Abschnitt 10. Es bleiben wohl noch 15 bis 25 Jahre Zeit, in denen Kirche und Kirchenverantwortliche aus eigener Intiative die nötigen Schritte gehen können. Aber: Das Tempo beschleunigt sich. Die vielen Diskussionen um den fundamentalistischen Islam und seine Exzesse tragen dazu bei.
Hier nun «meine» drei Varianten:
11a) Die Flucht in die gesellschaftlich irrelevante Sekte: Mittelfristig erlangen Kleriker des neokonservativ-altgläubigen Flügels die Mehrheit in den vatikanischen Behörden und den Bischofskonferenzen. Durch bewusste Förderung in der Ausbildung gehört bald auch die Mehrheit der wenigen jungen Priester zu dieser Gruppierung. Der alte Ritus wird dem neuen gleichgestellt; die sich der Gesellschaft öffnenden Formulierungen des Vaticanums kaum mehr beachtet; der Dialog mit den evangelischen und lutheranischen Schwesternkirchen versandet. Seitens der Kirche wird die Trennung von Kirche und Staat bewusst forciert, die katholische Kirche verliert ihre Rest-Privilegien und wird zur Bastion von der modernen Welt und Kultur ablehnend und ängstlich gegenüberstehenden religiösen Fundamentalisten.
11b) Die Mutation an und in der gesellschaftlichen Herausforderung: Entweder durch einen grossen Vernunftszuwachs bei den Kirchenverantwortlichen oder durch eine durch 11a) bewirkte Abspaltung grösserer kirchlicher Gruppierungen (wohl eine klare Mehrheit der Engagierten und Ehrenamtlichen, eine klare Mehrheit der Laienseelsorgenden und eine Minderheit der Priester und Bischöfe) erklärt sich auch die katholische Kirche bereit, die Menschenwürde und den freien Gewissenentscheids des/der Einzelnen als Grundlage von Glaubenslehre und Moral und die Menschenrechte innerhalb der Eigenorganisation zu respektieren. Die kleine Schar der sich für rechtgläubig Haltenden spaltet sich endgültig ab.
11c) Ad Fontes: Was differenzierte Theologen (etwa Medard Kehl, aber noch viele mehr) schon länger erkennen, wird umgesetzt: Der Neuanfang nach der nötigen Umkehr der Konstantinischen Wende. Die Kirche wird zur Minderheit in Staat und Gesellschaft, legt darum die während 1500 Jahren notwendigen Macht- und Feudalstrukturen freiwillig ab, verabschiedet sich von hierarchischer Struktur und Absolutsheitsansprüchen und wird in einer Neubesinnung auf ihren Gründer wieder zur Gruppe derjenigen, die «Salz der Erde» und «Licht der Welt» sind, Boten/innen von einer neuen befreiten Sicht des Menschen innerhalb von politischen, ökonomischen und auch religiös-ethischen Versklavungen.
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant