Am Fronleichnamsfest (das auf den auf das Hochfest folgenden Sonntag verlegt wird) fuhr ich zum Gottesdienst in die St. Erik Kathedrale nach Stockholm. Aus dem Untergrund der Metrostation aufsteigend, wusste ich nicht genau auf welche Seite der Strasse ich mich begeben musste. Aber die bunte Schar, die mit mir aus der Metro stieg, hat mir den Weg gewiesen: Afrikaner und Afrikanerinnen in ihren Festtagskleidern. Schnell habe ich gelernt, dass die katholische Kirche in Schweden zunächst eine Kirche der Immigranten ist. Ungefähr 90 Nationen und Sprachgruppen vereinigt sie unter ihrem Dach. Oder anders ausgedrückt 80% aller Mitglieder sind Immigranten. Bereits früher habe ich in der Schweizerischen Kirchenzeitung davon berichtet, wie viele Nationalitäten und Sprachgruppen alleine in der Pfarrei von Uppsala zusammen leben. Regelmässig werden Gottesdienste auf Schwedisch, Englisch, Polnisch, Kroatisch, Spanisch und Arabisch gehalten. Die Jesuiten, die auch die grosse Pfarrei in Stockholm betreuen, sagen mir, diese Multikultur habe viele Stärken aber sie berge auch Gefahren. Die Stärke einer solchen Kirche ist es, dass viele verschiedene soziale Schichten in Sprachgruppen zusammen kommen. Im Gottesdienst auf Spanisch zum Beispiel sitzt der Botschafter Spaniens neben dem Billetkontrolleur der Metro. Und ihre Kinder besuchen samstags zusammen die Erstkommunionvorbereitung, bei der auch immer die Eltern einbezogen werden. Über soziale Schichten hinweg steht man für einander ein, auch dann wenn Probleme gelöst werden müssen. Eine solche multikulturelle Kirche wird so auch zu einer Integrationsinstanz, um die der Staat bisweilen auch ganz froh ist. Die Schwäche einer solchen Kirche allerdings ist, dass es nicht immer ganz einfach ist diese enorme Vielfalt in der Einheit zusammen zu halten. Es stellt sich immer wieder die Frage: Wie soll Liturgie gestaltet werden? Nur als Beispiel: Die englischsprachigen Gottesdienste richten sich nicht nur an US-Amerikaner oder Briten. Da kommen auch Menschen aus Afrika und Asien. Wie also soll Liturgie gestaltet werden, damit sich möglichst viele angesprochen fühlen und auch Heimat finden? Zur Zeit bereitet einmal im Monat eine Gruppe US-Amerikaner und ein anderes Mal eine Gruppe aus Afrika den Gottesdienst vor – mit all ihren kulturellen Eigenheiten. Aber auch die verschiedenen Riten unserer Kirche stellen die Seelsorgenden manchmal vor schwierige Aufgaben. Da werden Gottesdienste in Arabisch gefeiert, aber die Eritraer feiern einen anderen Ritus als die Chaldäer und dann sind da noch die Maroniten … und manchmal braucht es da schon eine grosse Portion Begabung, um vermitteln zu können. Auch im Bereich der Sakramentenkatechese stellen sich Herausforderungen. Wenn sich zum Beispiel ein Kroate oder Spanier zur Trauung anmeldet, der in der dritten Generation hier in Schweden lebt und seine Begründung für die kirchliche Hochzeit jene ist, dass im Heimatland noch die Grossmutter lebe und es undenkbar wäre nicht kirchlich zu heiraten. Hier, so die Jesuiten, ist es die grosse Herausforderung, den Migranten zu helfen eine «schwedische katholische Identität» reifen zu lassen. Das meint, dass man die Menschen begleiten möchte in ihren Glaubensfragen und sie dann überzeugt «Ja» sagen – zum Beispiel – zu den Sakramenten. Sie sollen das nicht einfach tun, weil dies von ihren Verwandten in ihrem Heimatland und in der Tradition ihrer Familie so erwartet wird. Die Seelsorger versuchen hier Brücken der Integration zu bauen, damit eine gefestigte katholische Gemeinschaft heranwachsen kann.
Sibylle Hardegger
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/loesung-fuer-90-verschiedene-nationen-und-sprachgruppen/