Interview mit Kurt Kardinal Koch (2.Teil)

Heisst das auch, dass wir hier einen Gesprächspartner haben, mit dem man sich – wie Sie das auch schon gesagt haben – auf gemeinsame ethische Grundlagen zurück besinnen muss? Ja, absolut. Es geht nicht einfach nur um sakramentale oder liturgische Fragen. Es ist wichtig eine gemeinsame ethische Basis zu finden.
Könnte man sagen, dass der jetzige Papst sich eher für die Einheit mit den orthodoxen Kirchen als mit den evangelischen Kirchen bemüht?Nein, das kann man nicht sagen, weil dem Papst beide am Herzen liegen. Er ist sich wohl dessen bewusst, dass die Wege ganz verschieden sind. Mit den orthodoxen Kirchen haben wir so vieles gemeinsam. Es ist für mich immer ein grosses Erlebnis, wenn ich mit den altorientalischen orthodoxen Kirchen zusammen bin, die sich schon im 4. oder 5. Jahrhundert getrennt haben, ich fühle mich sofort zu Hause. Sie haben dieselbe kirchliche Grundstruktur bewahrt, die sich in den ersten Jahrhunderten entwickelte und die uns gemeinsam ist. Mit den Orthodoxen haben wir sehr viel im Glauben gemeinsam, aber wir sind sehr weit auseinander, was die Fragen der Kultur anbelangen. Bei den aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen ist es genau umgekehrt: eine nicht so breite Basis im Glauben, aber dieselbe Kultur. Und weil viele Katholiken heute auch eher Kulturkatholiken sind, spielt dann oftmals die Kultur die grössere Rolle als der Glaube. Dem Papstaber liegen beide am Herzen, die orthodoxen und die evangelischen Kirchen. Das habe ich persönlich festgestellt. Als er mich gefragt hat, ob ich diese Aufgabe übernehmen würde und ich ein bisschen gezögert habe, sagte der Papst, er müsse nun mit neuen Argumenten kommen. Eines der ersten Argumente war, dass er jemanden wollte, der die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht aus den Büchern allein sondern auch aus der Erfahrung kennt. Und das war dann für mich ein sehr deutliches Zeichen, dass ihm diese Ökumene am Herzen liegt, aber er weiss natürlich um die Probleme.
In Schweden gibt es seit einigen Jahren eine offizielle ökumenische Dialoggruppe zwischen Katholiken und Pentekostalen, die recht gut zu laufen scheint. Neuerdings waren sie gemeinsam in Rom zu Besuch. Wie schätzen Sie auf weltweite Ebene die Beziehungen zwischen Katholiken und Pentekostalen ein?Das ist wahrscheinlich die grösste Herausforderung, die wir in der Ökumene heute haben. Die Gewichte von den Partnern, von den ökumenischen Partner her, haben sich völlig verschoben. Es sind nicht mehr nur die ökumenischen Dialoge zwischen den grossen historischen Kirchen, sondern der Pentekostalismus ist weltweit gesehen die zweitgrösste Bewegung christlicher Art nach der römisch-katholischen Kirche. Man muss eigentlich von einer Pentekostalisierung der Ökumene sprechen. Es ist sehr schwierig. Es gibt Gruppierungen unter den Pentekostalen mit denen man einen guten Dialog führen kann. Wir haben selbst einen in Rom. Daneben gibt es pentekostalische Bewegungen die sehr antiökumenisch und antikatholisch eingestellt sind. Da ist es für mich bisher schwierig zu sagen, welchen Weg man gehen soll. Das ist meines Erachtens dann eher ein pastorales Problem. Wir müssen uns die Frage stellen, warum laufen uns so viele Leute – gerade in Lateinamerika – davon und gehen zu den pentekostalen Bewegungen. Was ist mit unserer Kirche los, dass die Leute dorthin gehen? Ohne natürlich in die Versuchung zu kommen, gewisse problematische Missionsmethoden dieses Pentekostalismus zu übernehmen. Ich denke der Pentekostalismus ist eine der ganz grossen Herausforderungen.
Haben Sie die Antwort auf die Frage, warum so viele abspringen zu den Pentekostalen – gerade ein Lateinamerika- schon gefunden?Nein, ich habe nur Splitter der Antwort. Erstens einmal ist die Pneumatologie in unserer westlichen Tradition sicher nicht überernährt. Das Wirken des Heiligen Geistes neu zu erfahren, ist eine ganz grosse Herausforderung. Bei den Pentekostalenist vor allem das Moment der Erfahrung sehr wichtig. Der Glaube ist nicht nur etwas für den Kopf und für das Herz, sondern er muss wirklich den ganzen Menschen mit Leib und Seele erfassen. Das glaube ich, ist ein wesentliches Moment.
Was sind, nach Ihrer Meinung, die wichtigsten und möglichen Schritte in der ökumenischen Entwicklung zu machen in den nächsten zehn Jahren?Ich würde meinen, wir müssen die Wurzeln der ganzen Ökumene wieder entdecken. Wir haben vieles, was wir inzwischen erreicht haben, wieder vergessen. Das ist eines der schwierigsten Probleme und dass wir uns wieder neu besinnen, was sind eigentlich die Fundamente. Viele haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass wir weiter so leben, wie wir leben, friedlich aneinander vorbei. Damit hängt zusammen, dass wir uns zweitens intensiv Rechenschaft darüber geben, was das Ziel der Ökumene ist . Da haben wir sehr verschiedene Vorstellungen. Die katholische und die orthodoxe Kirche halten nach wie vor an der sichtbaren Einheit fest. Hingegen sehe ich das bei vielen aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht mehr. Die haben dieses ursprüngliche Konzept eigentlich ersetzt durch das Modell der gegenseitigen Anerkennung. Wir anerkennen uns einfach als Kirchen so wie wir sind und die Summe all dieser Kirchen ist dann der eine Leib Christi. Das ist für einen Katholiken eine schwierige Vorstellung. Wie eine Reihe von Einfamilienhäuser, wo alle für sich wohnen und sich hin und wieder zum Essen einladen. Das soll so die sichtbare Darstellung des einen Leibs Christi sein? Das ist eine schwierige Vorstellung. Drittens glaube ich, wir müssen zurückfinden zu dem was das Konzil den spirituellen Ökumenismus genannt hat. Dass letztlich die Einheit, nicht von uns Menschen gemacht werden kann, wir können nur die Bedingungen der Möglichkeit schaffen, dass diese Einheit uns geschenkt wird und dazu braucht es, dass die Einheit der Christen, die Einheit der Kirche, immer wieder zum zentralen Anliegen des Gebetes gemacht werden muss. Da glaube ich, brauchen wir eine neue Initiative.

Sibylle Hardegger

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/interview-mit-kurt-kardinal-koch-2-teil/