Zum Fest Geburt Mariens am 8. September

Mittelalterliche Kirchen mit ihren Fresken erzählen Geschichten. Sie zu «entziffern» ist oftmals ein spannendes Unternehmen. Während Noah und seine Arche, Adam und Eva und der heilige Georg auf den ersten Blick erkannt werden, müssen andere Bilder «entschlüsselt» werden. Nachhilfestunde Katechese!
Biblische Geschichten anschaulich
Wer die Kirche von Risinge in Mittelschweden betritt, ist überwältigt von der Fülle der Fresken, die sich über den ganzen Innenraum der Kirche ausbreiten. Eine Familie mit drei Kinder hat den Weg in diese schmucke Kirche ebenfalls gefunden. Ich setze mich erst mal hin und lasse den Raum auf mich wirken. Dabei lausche ich unweigerlich den Worten des Familienvaters. Geduldig versucht er seinen Sprösslingen die Fresken zu erklären. Die Erschaffung der Welt, Adam und Eva, die Schlage…»Da,» ruft der Sohn plötzlich dazwischen, «ich sehe Weihnacht.» Und er zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf eines der Medaillons in den Deckengewölben. Nun kommt Bewegung in die Familie. Alle verrenkten die Hälse in die Richtung, in die der Filius zeigt. Tatsächlich zeigt der Junge auf ein Bild, das eine liegende Mutter mit Kind darstellt. Die Schwester des Jungen aber bemerkt, dass auf dem Bild Ochs und Esel fehlen und es deshalb kein «richtiges» Weihnachtsbild sein könne. Nun ist die Neugier geweckt und die Familie versucht der Darstellung auf den Grund zu gehen. Auch Josef fehlt und der Stern von Bethlehem. Was also ist dargestellt auf dem Medaillon? Das Bild ist eine der wenigen Darstellungen, die sich dank eines Schriftzugs über der Szene leicht enträtseln lassen. Die Darstellung zeigt Maria Geburt. Anna, die auf dem Wochenbett liegt, hält Maria im Arm und empfängt Besuch einer nicht näher zu bestimmenden Frau.
Nun hat auch der Familienvater das Spruchband entziffert und erklärt den Kindern, dass es sich hier nicht um Weihnachten handelt, sondern um die Geburt der Mutter von Jesus und dass Anna, die Grossmutter Jesu gewesen sein. Die Jüngste der drei Kinder untersucht derweil lieber den Altarraum…
«Vergessene Geschichten»
Ich lasse die Fülle der Bilder und die dezenten Farben auf mich wirken und versuche die Legende um die Geburt Marias aus meinem Gedächtnis hervor zu holen. Hätten Sie, lieber Leser, liebe Leserin die Geschichte von Anna und Joachim einfach wieder erzählen können? Ja, manchmal fordern einen die Malereien ganz schön heraus. Zum Fest Maria Geburt am 8.September hier die Geschichte, die sich nicht in der Bibel findet, sondern im apokryphen Jakobusevangelium und in der Legenda aurea.Joachim und Anna waren ein gottfürchtiges Paar doch blieb die Ehe kinderlos. Jedes Jahr begaben sie sich zu den Hauptfesten nach Jerusalem, um dem Herrn im Tempel zu opfern. So zog auch Joachim zum Fest der Tempelweihe nach Jerusalem. Doch der Hohepriester wies das Opfer des Joachim zurück mit der Begründung: Wer das Volk Gottes nicht vermehre, soll auch nicht opfern. Joachim, enttäuscht und verzweifelt, kehrte nicht zu Anna zurück, sondern verbarg sich bei seinen Herden auf den Feldern. Dort erschien ihm ein Engel und verkündete ihm Nachkommenschaft. Wie einst Sara und Rachel sollte Anna in vorgerücktem Alter ein Kind gebären. Diese Tochter soll von Geburt an dem Herrn geweiht sein, da sie einmal den Sohn des Höchsten gebären wird. Er gebot Joachim zu seiner Frau zurück zu kehren und ihr an der Goldenen Pforte in Jerusalem zu begegnen. Auch Anna, in Sorge über den verschollenen Joachim, erschien der Engel mit derselben Verheissung. So machten sich beide auf nach Jerusalem, wo sie sich nach der Zeit der Trennung bei der Goldenen Pforte wieder trafen. Der Verheissung entsprechend wurde das Kind Maria geboren. Von Anna sorgfältig unterwiesen, diente Maria später im Tempel bis Josef sie zur Frau nahm.
Herausforderung Bilder
Während ich noch über die Geschichte von Joachim und Anna nachdenke, höre ich die Jüngste – nachdem sie die «Untersuchung» des Altarraumes abgeschlossen hat, rufen: «Dinosaurier!» Ihr scheint der Kampf Georgs mit dem Drachen mehr zu imponieren. Wie der Vater ihr allerdings erklärt, dass Georg mit dem Drachen und nicht mit dem Saurier kämpfte, diese Geschichte entzieht sich meiner Kenntnis…

Sibylle Hardegger

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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