Die Pilgerbewegung in Skandinavien
Das dichte Netz der Pilgerwege in Skandinavien gilt es zu pflegen – im wörtlichen Sinne. Im Gespräch mit dem Pilgerpfarrer von Vadstena erfahre ich, dass sich viele Freiwillige für die Pilgerbewegung engagieren. Sei es als freiwilliger Mitarbeiter oder Mitarbeiterin auf Zeit in einem der zahlreichen Pilgerzentren oder als Gastgeber bzw. Gastgeberin am Rand der Pilgerwege. Viele Wege werden zudem durch Freiwillige in Stand gehalten. Die Schwedische Kirche hat erkannt, dass die Pilgerbewegung eine neue Form der (Erwachsenen)katechese sein kann. So hat zum Beispiel die Diözese Linköping (lutherische Kirche) sechs Personen für das Pilgerzentrum in Vadstena beauftragt. Ihre Hauptaufgaben sind die Betreuung des Pilgergästehauses, des Pilgerzentrums (mit Cafe, Bibliothek und Geschäft) und die tägliche Messe und Gebetszeiten in der Klosterkirche. Daneben bieten die Pilgerseelsorger Exerzitientage, Vorträge, Führungen, geführte Wanderungen und spirituelle Kurse an. Auf Wunsch stehen sie auch für Einzelgespräche zur Verfügung. Auf die Frage, warum die Pilgerbewegung in Skandinavien so «boome» hat der Pilgerpfarrer zwei Antworten bereit. Er meint, jeder Mensch, der sich die Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens stellt, ist bereits ein Pilger. Er wird unterwegs sein und Suchender sein, bis sein Herz ganz in Gott ruht. In Anlehnung an das Wort des Augustinus «Unruhig ist mein Herz bis es ruht in dir» erzählt der Pilgerpfarrer davon, dass das innere Unterwegssein genau so wichtig sei wie das Äussere. Mit der Errichtung von Pilgerwegen und –kursen versucht man die Menschen religiös und spirituell zu begleiten. Schweden wird oft als das meist säkularistierteste Land bezeichnet. Doch die Talsohle der Säkularisation ist wohl erreicht und die Menschen machen sich vermehrt auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Diese «Suchbewegung» versucht man im besten Sinne des Wortes auszunutzen und bietet den Menschen Begleitung an in ihrer Suche. In Skandinavien liebt man die Bewegung in der kurzen Zeit des Jahres in der es mehr Licht als Dunkelheit gibt. Im Wandern, alleine oder mit Gleichgesinnten, ergibt sich die Chance durch äussere Einwirkung (Austausch, Gespräch) wie auch durch Meditation und Zwiesprache mit Gott Antworten auf existentielle Fragen zu finden. Katechese unter freiem Himmel! Ein zweiter nicht unwesentlicher Punkt ist die Suche nach einer neuen religiösen Sprache. Denn – und das muss man wissen – die schwedische Kirche (Staatskirche bis 2000) hatte ihren Schwerpunkt nicht im Bereich Verkündigung und Katechese, sondern war in erster Linie zuständig für die Registrierung der Bürger und versah den Dienst eines Einwohnermeldeamtes und den Bestattungsdienst. Pastoren sind nicht in unserem Sinne «Geistliche», die zu einem besonderen Dienst berufen sind, sondern Funktionäre. So wird ein Pastor bei seiner Weihe auch nicht nach seinem Glauben gefragt, sondern lediglich danach, ob er oder sie bereit sei, die ihm anvertraute Funktion in der Kirche auszuüben. Ein gänzlich anderes Verständnis also von Kirche, als wir es für unsere katholische Kirche verstehen. Diese Mangel an Glaubensweitergabe und Spiritualität scheinen die Pilger und Pilgerinnen nun nachzuholen. Es ist richtig, dass man die Geschichte der Klöster oder das Leben der Heiligen auch in einem Vortrag abhandeln könnte, aber ist es nicht verlockender unter Einsatz seines ganzen Körpers diese Geschichten zu «erlaufen» und sich dabei die Fragen zu stellen, was hat diese oder jene Geschichte mit meinem Leben zu tun? In einem Gespräch mit dem Katholischen Erwachsenenbildner von Schweden nennt dieser die Pilgerbewegung eine «Bewegung von unten». Pilgern meint schlicht das Unterwegs sein zu Gott. In vielen Pfarrei (katholisch und lutherisch) hat sich heute eine Pilgergruppe gebildet. Sie treffen sich (besonders in der kalten und dunklen Jahreszeit) zu sogenannten Pilgerzirkeln. Das sind Gesprächsabende über religiöse und spirituelle Themen. Bildung, Katechese, Glaubensvertiefungen gehen Hand in Hand und versuchen den einzelnen Suchenden oder die Suchende auf ihrem Weg zu Gott weiter zu bringen. Diese innere Pilgerreise ist dem Pilgerpfarrer von Vadstena besonders wichtig. Denn so meint er, sie schliesst auf der Pilgerreise zu Gott jene mit ein, die sich wegen körperlichen Gebrechen nicht auf den Wanderweg begeben können. Ebenso schliesst dieses Verständnis von Pilgertum die Ordensleute ein, die durch stabilitas loci an ein Kloster gebunden sind.
Der äussere und der innere Weg
Was ich also hier in den ersten Monaten in Skandinavien mitbekommen habe, ist ein faszinierender Aufbruch vieler Menschen, dem Gott des Lebens zu begegnen. Jenem Gott, von dem die Heiligen und so viele Frauen und Männer vor uns – in Klöstern und ausserhalb – Zeugnis gaben. Pilgern ist in vielen Kulturen seit Jahrtausenden eine wichtige Erfahrung spirituellen Lebens. Sie ist hier im Norden in den letzten Jahren neu aufgeflammt. In einer Gegend, die man gerne als die am meisten Säkularisierte benennt. Es mögen verschiedene Umstände «Schuld» sein an diesem Phänomen, eines aber ist sicher, das Pilgern führt uns zurück zu unseren Wurzeln. Oder wie es Franz Alt formuliert: Pilgern ist das Hinausgehen ins Innere. Nach dem ersten Einblick in die Pilgerbewegung Skandinaviens möchte ich sagen, dem Glauben Beine machen, hat Zukunft – hoffentlich nicht nur im Norden.
Sibylle Hardegger
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant